Estlands Verteidigungsminister : "Wir dürfen nicht zu schnell abziehen"

Jaak Aaviksoo, Estlands Verteidigungsminister, über den Einsatz in Afghanistan – und den Cyberkrieg.

Foto: AFP
Foto: AFPFoto: AFP

In Deutschland wird derzeit darüber diskutiert, ob der Abzug aus Afghanistan bereits in diesem Jahr beginnen kann. An dem Einsatz nehmen auch etwa 160 estnische Soldaten teil. Was halten Sie von der Diskussion über den Abzug?

Ich denke nicht, dass das der richtige Ansatz ist. Wir müssen uns fragen: Ist das Problem in Afghanistan unser Problem? Die Taliban, Al Qaida und der islamische Fundamentalismus in Afghanistan und Pakistan stellen eine globale Sicherheitsbedrohung dar, das haben die UN betont. Wenn es unser Problem ist, dann müssen wir es auch lösen.

Sie planen also keinen Abzug der estnischen Truppen ab diesem Jahr?

Das hängt von den Umständen ab, und es ist auch eine Frage der Solidarität. Es wäre sehr schlecht, wenn einige Länder unilateral sagen würden: Wir müssen abziehen. Das destabilisiert das Vertrauen innerhalb der Nato. Man kann seine internationalen Verpflichtungen nicht dem innenpolitischen Gewinn opfern. Wenn wir zu schnell abziehen, verlieren wir alles, was wir bisher gewonnen haben.

Estland wurde im Jahr 2007 von einem großen Cyberangriff getroffen. Welche Lehren hat Ihr Land daraus gezogen?

Mehr als 80 Prozent der technischen Infrastruktur sind heute in privater Hand. Das ist der verwundbarste Teil des Internets. Den Cyberspace kann man nur verteidigen, wenn Regierungsbehörden und private Partner zusammenarbeiten. Das darf nicht erst in einer Krisensituation passieren. Man muss andere Lösungen finden als die klassische militärisch-hierarchische Lösung.

Wie sieht das konkret aus?

Wir können unsere privaten Partner nicht zwingen, zur Landesverteidigung beizutragen. Es muss eine echte Partnerschaft sein, die auf gemeinsamen Interessen basiert: Banken sind daran interessiert, ihre Infrastruktur zu verteidigen. Wir haben kürzlich eine neue Struktur etabliert, einen Bund für Cyberverteidigung. Experten aus Universitäten, Unternehmen und Banken nehmen an Fortbildungen und Übungen teil. Im Notfall können sie im klassischen militärischen Sinn mobilisiert werden. Diese Leute müssen im Ernstfall innerhalb von Minuten reagieren. Es gibt dann keine Zeit für Gesetze, keine Zeit für Kriegserklärungen. Wir glauben, dass wir so unsere kritische Infrastruktur besser verteidigen können. Außerdem müssen wir den Bürgern bewusst machen: Jeder Computer kann zu einem Cybersoldaten werden, wenn er von außen übernommen wird. Auch das ist ein nationales Sicherheitsproblem.

Ist Europa gegen solche Angriffe gerüstet?

Wir haben definitiv nicht genug getan. Cyberkriminalität ist die am schnellsten wachsende illegale Industrie der Welt. Ihr Umsatz hat den von Drogenhandel und Prostitution bereits übertroffen. Wir sind nicht gut vorbereitet.

Das Gespräch führte Claudia von Salzen.

JAAK AAVIKSOO (57) ist seit fast vier Jahren estnischer Verteidigungsminister. Der Physikprofessor war zuvor Rektor der Universität Tartu sowie Minister für Kultur und Bildung.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben