Euro-Krise : Vom tristen Alltag in Madrid

Spaniens Regierung beantragt, dass Europa seinen Banken hilft. Zugleich fliegen Bürger, die ihre Hypotheken nicht bezahlen können, aus ihren Wohnungen und suchen Essen im Müll.

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Endstation. Als keiner in der Familie mehr Arbeit hatte, wurde sie obdachlos: Am Wochenende sitzt eine 77-jährige Spanierin auf ihrem Stuhl an der Straße und ist verzweifelt. Foto: S. Vera, Reuters
Endstation. Als keiner in der Familie mehr Arbeit hatte, wurde sie obdachlos: Am Wochenende sitzt eine 77-jährige Spanierin auf...Foto: REUTERS

Es gibt das Wörtchen „real“ auch im Spanischen, dort bedeutet es „königlich“, also majestätisch, prunkvoll, verschwenderisch im märchenhaften Sinne, im Sinne auch der Devise des Staatswappens: Plus Ultra – immer mehr, darüber hinaus. Real im Spanischen ist etwas ziemlich anderes als das, was die deutsche Sprache damit meint.

Spanisch real ist das Opernhaus im Zentrum der Hauptstadt Madrid, das Teatro Real, ein sechseckiger klassizistischer Prunkbau, der vor rund zehn Jahren umfänglich renoviert wurde und nunmehr technisch auf höchstem Niveau ist. Real im deutschen Sinn dagegen ist die Geschichte, nach der sein Bau wegen Geldmangels mehrfach unterbrochen wurde und sich von 1831 bis 1850 hinzog. Real ist auch, dass die Zahl derjenigen zurückgeht, die ein Opernabonnement haben. Das mag an dem Programm liegen, das auf moderne Stücke setzt, die weniger Anklang finden in Zeiten, die real umstürzlerisch genug sind. Außerdem real ist, dass neuerdings, wenn die Küchenhelfer des großen Operncafés die Mülltonnen auf die Straßen gestellt haben, Menschen herbeischleichen, die hoffen, darin noch etwas Essbares zu finden. „Comida basura“, heißt das, „Essen aus der Mülltonne“, ein reales Elendsstück.

Es ist noch angenehm warm an diesem Abend, als die Vorstellung endet und die elegant gekleideten Opernbesucher sich aus dem Hauptportal auf die Straßen schieben, um in Taxen oder zu Fuß in der Nacht zu verschwinden. An einem Nebeneingang geht die Tür auf, ein Küchenhelfer schiebt den Abfall raus. Die Tür geht wieder zu. Da huscht ein Schatten aus einer Nische. Er gehört zu einem älteren Mann mit einer leicht gekrümmten Statur. Schnell ist der Mann bei dem Abfalleimer. Er klappt den Deckel hoch, schaut kurz hinein. Dann versenkt er seinen rechten Arm im Müll und holt etwas heraus. Prüfend betrachtet er den Fund. Sandwichreste. Offenbar in Ordnung. Er packt sie ein. In seine weiße Plastiktüte. Dann verschwindet er, wie er gekommen ist: schattenhaft, unwirklich.

Auch an anderen Mülltonnen der Stadt sieht man sie, die neuen Hungrigen. Für sie ist längst real, was die spanische Regierung bis zum Samstagabend nicht offiziell machen wollte: Die Notlage ist da. Für den Bürger heißt das, dass er sich kein Essen mehr kaufen kann. Für den Staat, dass er keine Kredite mehr bekommt.

In der Nähe des Opernhauses befindet sich nicht nur der Königliche Palast, der Palacio Real, es befindet sich dort auch ein großer Supermarkt. Wenn nach Ladenschluss die Regale ausgemistet werden, sammeln sich um den Hinterhof herum inzwischen gut ein Dutzend Menschen. Sie hoffen darauf, abgelaufene Waren mitnehmen zu können, die nicht mehr verkauft werden dürfen, oder Obst und Gemüse, das lediglich unansehnlich ist. Auch in der Not gibt es eine Hackordnung. Die Stimmung ist gereizt. „Das ist unser Platz“, ruft einer, als sich neue Bedürftige in den Kreis der Wartenden gesellen. Aber die bleiben.

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