Europaweiter AKW-Stresstest : Blick zum Nachbarn

Nach dem Stresstest europäischer Atomkraftwerke verlangen Nordrhein-Westfalen und das Saarland die Abschaltung grenznaher Anlagen in Belgien und Frankreich.

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In der Kritik – und nicht erst seit dem EU-Stresstest: Das französische Atomkraftwerk Cattenom liegt nahe der Grenze zum Saarland. Dessen Regierung verlangt nun Konsequenzen.
In der Kritik – und nicht erst seit dem EU-Stresstest: Das französische Atomkraftwerk Cattenom liegt nahe der Grenze zum Saarland....Foto: AFP

Die vorzeitig bekannt gewordenen Ergebnisse des EU-weiten „Stresstests“ für Atomkraftwerke schlagen weiter hohe Wellen. Als Reaktion auf den Bericht verlangen Nordrhein-Westfalen und das Saarland die Abschaltung grenznaher Reaktoren. In Düsseldorf erklärten die Minister für Wirtschaft und Umwelt, Garrelt Duin (SPD) und Johannes Remmel (Grüne), in den belgischen Kraftwerken Tihange und Doel müssten zumindest Laufzeitverlängerungen verhindert werden. Es habe dort in der Vergangenheit Leckagen und Risse im Reaktorbehälter gegeben. Die Meiler stehen nur 60 bis 120 Kilometer von der Grenze entfernt.

„Ein schwerwiegendes Reaktor-Unglück mit Freisetzung von Radioaktivität in einem Atomkraftwerk könnte erhebliche Auswirkungen auf die Menschen in Nordrhein-Westfalen haben“, warnte Remmel. Auch das dicht besiedelte Ruhrgebiet wäre davon betroffen. Die saarländische Umweltministerin Anke Rehlinger (SPD) fordert ebenfalls Konsequenzen aus den EU-Stresstests. Sollten sich die Ergebnisse bewahrheiten, müssten die französischen Meiler in Fessenheim und Cattenom dauerhaft abgeschaltet werden.

Nach Angaben des SPD-Europaabgeordneten Jo Leinen sind in Cattenom in sieben von zehn untersuchten Kategorien Mängel festgestellt worden. Mit am gravierendsten sei die fehlende Absicherung gegen äußere Ereignisse wie Flugzeugabstürze, Überflutungen und Erdbeben. Zudem gebe es keine ausreichenden Notfallpläne.

Das Akw Cattenom liegt an der Mosel, zwölf Kilometer von der deutschen Grenze und neun Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt. Der erste von vier Blöcken ging 1986 ans Stromnetz. Während des Betriebs gab es immer wieder Störfälle. Die bislang letzte Panne in Cattenom ereignete sich am vergangenen Wochenende. Block 1 habe sich nach dem Austausch eines defekten elektronischen Elements automatisch abgeschaltet, berichtete das Umweltministerium in Saarbrücken. In der Nacht zum Samstag war auch Block 2 nach dem Austausch von Brennelementen abgeschaltet worden.

Als mindestens ebenso störanfällig gilt das älteste französische Akw bei Fessenheim am Oberrhein. Erst Anfang September waren dort bei einem Unfall zwei Arbeiter leicht verletzt worden, als Dampf aus dem Reaktor strömte. Zudem liegt das Kraftwerk in einer erdbebengefährdeten Zone. Frankreichs Präsident François Hollande hat vor kurzem angekündigt, die Anlage werde 2016 abgeschaltet. Bis zum Juni 2013 muss der Betreiber, der Stromkonzern Electricité de France (EdF), außerdem 30 Millionen Euro für Nachrüstungen investieren.

Die beiden Bundesländer verlangen nicht, dass auch deutsche Anlagen abgeschaltet werden – obwohl auch diese beim Stresstest schlecht abschnitten. In Nordrhein-Westfalen, wo ebenso wie im Saarland keine Atomkraftwerke am Netz sind, sind Umweltschützer mit der rot-grünen Landesregierung alles andere als zufrieden. „Es wurde viel versprochen und viel beschlossen, angepackt hat die Landesregierung die atomaren Probleme aber bislang nicht“, bilanziert ein Bündnis von Bürgerinitiativen. So habe die Urananreicherungsanlage in Gronau unbehindert die letzte Ausbaustufe erreicht und könne nun weltweit 35 Atomkraftwerke mit angereichertem Uran versorgen. Ebenso „handlungsarm“ präsentiere sich die Landesregierung beim Zwischenlager Ahaus. Der Landtag habe zwar ein Transportmoratorium beschlossen, das auch die stetigen schwach- und mittelradioaktiven Atommülllieferungen nach Ahaus umfasse. Umgesetzt worden sei diese Entscheidung aber nicht, bemängelt Heiner Möllers von der dortigen Bürgerinitiative.

Weiter kritisieren die Atomgegner, dass eine Konditionierungsanlage für radioaktive Abfälle in Duisburg ausgebaut werden soll, obwohl sie an ein Wohngebiet grenzt. Auch eine von Umweltschützern angemahnte Kinderkrebsstudie für die Atomanlagen und Reaktorruinen gebe es bislang nicht. „Es ist schon skurril, wenn Schwarz-Gelb auf Bundesebene einen Atomausstieg startet und unter Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen Atomanlagen weiter ausgebaut werden“, sagt Jens Dütting vom Aktionsbündnis Münsterland.

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