Extremismus : Harter Schlag gegen Verteidiger des "Türkentums"

Die türkische Polizei verhaftet zahlreiche Mitglieder der rechtsgerichteten Terrorgruppe "Ergenekon" - auf der Todesliste der Terroristen steht auch Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk.

Thomas Seibert
Pamuk
Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk -Foto: ddp

Istanbul Vor Sonnenaufgang schlug die Polizei zu. In Istanbul und anderen Provinzen drangen Beamte der türkischen Antiterrorpolizei in Wohnungen ein, nahmen rund 30 Verdächtige fest und beschlagnahmten Dokumente und Computer. Ziel der Polizeiaktion war die Zerschlagung der rechtsgerichteten Terrorgruppe "Ergenekon". Höchste Zeit, berichtet die Presse: Ein von den Rechtsnationalisten beauftragter Killer soll bereits im Besitz einer Liste von Anschlagsopfern gewesen sein. Ganz oben auf der Liste stand Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk.

Die türkische Presse feierte die Festnahmen am Donnerstag als historischen Meilenstein. Zum ersten Mal seien die Behörden entschlossen gegen den "tiefen Staat" vorgegangen. Der "tiefe Staat" ist eine Art Ku-Klux-Klan innerhalb des türkischen Staatsapparates, der für sich in Anspruch nimmt, gegen Landesverräter zu kämpfen – und dabei über Leichen geht. Schon in den neunziger Jahren waren enge Verbindungen zwischen Sicherheitskräften und rechtsgerichteten Killern bekannt geworden. Einige der jetzt Festgenommenen waren Schlüsselfiguren in dem damaligen Skandal.

"Ergenekon" soll im Umfeld des Nato-Geheimbundes Gladio entstanden sein. Der Name "Ergenekon", die mythische Heimat der Türken in Zentralasien, weist auf die faschistisch geprägte Ideologie hin: Ziel war eine muslimische Türkei ohne Querdenker, Minderheiten oder Kritiker wie Pamuk, die das "Türkentum" bedrohen könnten. Pamuk lebt nicht zuletzt aus Furcht vor Anschlägen seit längerem in den USA. Neben der Ermordung angeblicher Staatsfeinde soll die Gruppe auch einen Umsturz in Ankara geplant haben.

Unter den Festgenommenen ist der Anwalt Kemal Kerincsiz, der Pamuk vor Gericht brachte. Als einer der Anführer gilt der Ex-General Veli Kücük, dem unter anderem vorgeworfen wird, den türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink vor dessen Ermordung bedroht zu haben. Möglicherweise sei "Ergenekon" auch direkt in die Morde an Dink und an dem katholischen Priester Andrea Santoro verwickelt gewesen, berichten die Zeitungen. Eine Bestätigung der Behörden dafür gab es wegen einer Nachrichtensperre nicht.

Verbindungen zwischen "Ergenekon" und anderen Gewalttaten sind dagegen gesichert. Im vergangenen Jahr entdeckte die Polizei in einem Haus in Istanbul 27 Handgranaten aus Armeebeständen sowie Sprengstoff und Zünder. Auf dem Computer eines Verdächtigen wurde ein Manifest von "Ergenekon" gefunden. Die Handgranaten stammten aus derselben Serie wie jene, die ein Jahr zuvor bei einem Anschlag auf die Zeitung "Cumhuriyet" verwendet worden waren. Zu dem "Cumhuriyet"-Anschlag bekannte sich der Anwalt Alparslan Arslan – der Mann, der im Sommer 2006 einen Richter des obersten Verwaltungsgerichts der Türkei erschoss.

Die Waffenfunde in Istanbul hätten die Behörden auf die Spur von "Ergenekon" gebracht, meldet die türkische Presse. Die Ermittlungen waren geheim; potenzielle Anschlagsopfer wie die Kurdenpolitikerin Leyla Zana oder der regierungsnahe Journalist Fehmi Koru seien ohne deren Wissen polizeilich geschützt worden, hieß es. Als die Anschlagspläne konkret wurden und der Auftragskiller Selim A. die mit dem Codenamen "Speiseplan" versehene Todesliste erhielt, entschloss sich die Polizeiführung zum Handeln. Weitere Enthüllungen im Fall "Ergenekon" sind zu erwarten.

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