Politik : Fabelwesen mit krankhafter Selbstliebe

Wolf Jobst Siedler

Fast 1200 Seiten und noch einmal ein paar Hundert Seiten für den Anmerkungsteil, zusammen 1437 Seiten. Das ist nur der zweite Teil eines Werkes, dessen erster Band "Die Jugend des Kaisers 1859-1888" mit 980 Seiten bereits 1993 erschienen ist. Ein dritter Band steht noch aus, wenn der Autor es damit bewenden lässt. Denn auch in diesem zweiten Band ist John C. G. Röhl dem Leben Wilhelms II. nur bis zur Jahrhundertwende gefolgt, also nur den ersten zwölf Jahren seit der Thronbesteigung im "Dreikaiserjahr" 1888. Wenn er in diesem Stil weitererzählt, wird er angesichts der Zäsur des Weltkrieges noch zwei bis drei Bände bis zum Thronverzicht 1918 brauchen, und dann noch einmal zumindest einen Band bis zu seinem Tod im holländischen Exil 1941. Dann wird das Gesamtwerk auf 6000 bis 7000 Seiten angewachsen sein. Das alles über einen Monarchen, der zwar eine verhängnisvolle Rolle in der deutschen Geschichte und damit beim Untergang der europäischen Ordnung gespielt hat, als Person aber im Grunde nicht sonderlich interessant und schon gar nicht sympathisch ist.

Gibt dieser letzte Hohenzoller dennoch einen solchen Umfang her? Als Persönlichkeit gewiss nicht, der Mensch Wilhelm war eine schillernde Figur, wie von klugen Beobachtern - beiden Bismarcks, seiner Großmutter Queen Victoria, den russischen Verwandten, den Zaren Alexander II. und Nikolaus II. - sehr klar gesehen wurde, von distanzierten Beobachtern wie Graf Kessler und Walter Rathenau ganz abgesehen. Dennoch nennt man eine ganze Epoche nach ihm die "Wilhelminische". Aber hat Wilhelm seine Zeit geprägt oder sie ihn?

Merkwürdigerweise interessiert sich Röhl aber für die wilhelminische Epoche gar nicht, es ist immer nur die eine Person, die er bis in die kleinsten Verästelungen verfolgt, von der unglücklichen Geburt mit einem verkrüppelten Arm, der Quälerei durch seine Mutter, die durch barbarische Prozeduren den Geburtsfehler zu beheben suchte bis zu der frühen Deformation seines Charakters, der später in krankhaftem Maße von Selbstliebe und Lobrednerei geprägt war. Das alles wusste man schon vorher. Aber es muss zugegeben sein, dass der deutsch-englische Autor eine kaum übersehbare Fülle von neuen Details ausgegraben hat. Solche Akribie hätte man gern einem wichtigeren Gegenstand zugewendet gesehen. Aber immer nur Wilhelms absonderliche und oft abstoßende Charakterzüge?

Man weiß nicht, ob man den Autor bewundern oder bemitleiden soll, dass er Jahrzehnte seines Lebens daran wendet, diesem "Fabeltier unserer Zeit" von der Geburt bis zum Tode zu folgen. Immerhin, was sich doch auch nach anderthalb Jahrhunderten alles noch zu Tage fördern lässt! Im Familienarchiv der Windsors zum Beispiel die Korrespondenz des Kaisers mit seinen englischen Verwandten. Daneben stehen dann die Tagebücher seines Generalstabchefs Graf von Waldersee, deren Original hier zum ersten Mal berücksichtigt wurden. Auch die ungeschminkten Notizen der russischen Verwandtschaft, auf die sich Wilhelm II. so viel zugute tat, sind ausgewertet. Nun wird deutlich, dass ihn die Windsors ebenso wie die Romanows mit befremdeter Verwunderung sahen, mit einem Staunen, in das degoutierte Verachtung gemischt war.

Großes Gewicht legt der Autor auf den Antisemitismus des Kaisers, der ihm einer der Schlüssel zur "kaiserlichen Persönlichkeit" ist. Das sei ein "elementarer Judenhass" gewesen, ein "Kernelement" der kaiserlichen Gedankenwelt sogar. Selbst die Entlassung Bismarcks gehe letzten Endes auf diesen Antisemitismus zurück. Die Nachricht, dass sich Bismarck auf Vermittlung seines Bankiers Bleichröder mit dem Zentrumchef Ludwig Windthorst getroffen habe, sei der letzte Anstoß gewesen, den Reichsgründer "rauszuschmeißen". War es wirklich so einfach? Der Kaiser stand ja andererseits auf fast freundschaftlichem Fuße mit den Rathenaus, Vater und Sohn, und dem Großreeder Albert Ballin, der häufiger bei ihm zu Gast war, als die meisten schlesischen und ostpreußischen Magnaten. Verarmten preußischen Adligen soll er empfohlen haben, junge, reiche und reizvolle jüdische "Stuten" zu heiraten, damit Geist, Schönheit und Geld in die Aristokratie komme. Das Wort mag so nie gefallen sein, es zeigt aber die Freiheit Wilhelms II., der seine Ansichten wechselte wie seine Günstlinge.

Bei einem solchen ausgreifenden Werk neigt man dazu, zuerst die Bedenken zu formulieren. Aber die Ungerechtigkeit darf nicht so weit gehen, dass man die Verdienste des Autors nicht sieht. Deshalb soll ausdrücklich gesagt werden, wie viel Röhl zum ersten Mal gesehen hat, was bis dahin unbeachtet blieb. Merkwürdigerweise interessiert einen ja dieses Leben noch nach mehr als einem halben Jahrhundert. Immer wieder ist man aber konsterniert, wie widersprüchlich Wilhelm II. war.

Einerseits legte der junge Monarch offensichtlich schon in den ersten Jahren Wert darauf, ein Geflecht von persönlichen Beziehungen zu schaffen, wobei er zuweilen unkonventionelle Wege wie bei "Bierabenden" ging, zu denen er zwei Dutzend Herren um sich versammelte, die in dieser Runde vergleichsweise ungeniert sprechen konnten. Andererseits weitete er die "Neujahrsgratulationen" zu einem sehr formellen Zeremoniell aus. Er verlangte von seinen Generälen, dass auch "alle Befehlshaber vom Armee-Corps" ihm dabei ihre Aufwartung machten, weshalb denn auch die verdiente alte Generalität seines Großvaters im Weißen Saal zu erscheinen hatte. Er wollte der oberste Bauherr der Deutschen sein, darin Hitler ähnlich, der ebenfalls Troost wie Speer und Gießler genaue Anweisungen gab, wie sie zu bauen hatten. Es ist einem angesichts der vielen banalen Vergleiche fast unangenehm - aber vieles erinnert bei Hitler tatsächlich an Wilhelm II. Beide fühlten sich als verhinderte Künstler und sagten gelegentlich zu ihrer Umgebung, dass sie große Baumeister geworden wären, hätte sie das Schicksal nicht verdammt, die Nation "in herrliche Zeiten" zu führen wie der Kaiser in der bekannten Rede sagte. Wilhelm II. zeichnete ungeniert in die Pläne seiner Baumeister hinein, bei Ernst von Ihne ebenso wie bei seinem Günstling Franz Schwechten, der ihm das "Romanische Viertel" um die Gedächtniskirche bauen musste. Paul Wallot, der Architekt des Reichstages, verbat sich das Korrekturverlangen des Kaisers allerdings vergleichsweise brüsk. Aber zugleich war Wilhelm doch so modern, dass er die Neuartigkeit von Alfred Messels "Kaufhaus Wertheim" am Leipziger Platz sah, Alfred Muthesius schätzte und Bruno Paul protegierte, drei der Modernen in der Architektur.

Daneben steht dann wieder eine groteske Selbstüberhebung, auch in militärischen Dingen. In den neunziger Jahren erklärte er apodiktisch, dass "der Schwerpunkt zukünftiger Kriegsführung bei der Marine" liegen würde, was seiner Flottenpolitik präludierte und zur vielleicht verhängnisvollen Vernachlässigung der Armee führte. Auch wo man dem Kaiser gerecht werden will, ist man immer wieder irritiert angesichts einer Selbstsicherheit, die in krankhafter Selbstliebe ihre Erklärung hat.

Das Merkwürdigste an diesem gewaltigen vier- und vielleicht fünfbändigen Unternehmen ist, dass die Wandlung Deutschlands von spätbiedermeierlicher Manufakturwelt in einen modernen Industriestaat kaum eine Rolle spielt. Bei Wilhelms Geburt im Januar 1859 hatten die deutschen Einzelstaaten, die 1871 zu einem "Deutschen Reich" zusammengeschlossen wurden, ungefähr 37 Millionen Einwohner; am Vorabend des ersten Weltkrieges hatte Deutschland 67,8 Millionen Einwohner. Während dieser Jahrzehnte war aus dem Land ein dynamischer Industriestaat in der Mitte Europas geworden, der Frankreich wirtschaftlich schon überholt hatte und dabei war, England auch in ökonomischer Hinsicht Paroli zu bieten. Und es war wirklich Wilhelm, der diesen Weg fasziniert begleitete und vorantrieb. Die neuen Naturwissenschaften förderte er persönlich so nachdrücklich, dass die "Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft", die heutige Max-Planck-Gesellschaft, seinen Namen zu Recht trug. Der Kaiser war tatsächlich ein Mann der Moderne.

Es wäre noch viel zu sagen, zum Beispiel über den Schlachtflottenbau, den sehr späten Erwerb von Kolonien und den verderblichen, am Ende tödlichen Weg in die "Weltpolitik", die in all dem zum Ausdruck kam. Aber in ein paar Jahren werden wir angesichts weiterer Bände ja genügend Gelegenheit haben, davon ausgiebig zu sprechen. John C. G. Röhl wird dann achtzig oder neunzig Jahre alt sein.

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