Politik : Familientreffen in Meseberg

Die Kanzlerin empfängt den britischen Premier.

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Bilaterale Begegnung. Merkel und Cameron 2012 vor dem Kanzleramt. Foto: dpa
Bilaterale Begegnung. Merkel und Cameron 2012 vor dem Kanzleramt. Foto: dpaFoto: dpa

London/Berlin - Der Charakter des Treffens ist betont familiär. Der britische Premierminister David Cameron hat seine Frau Samantha und ihre drei Kinder Florence (2), Nancy (9) und Arthur (7) mitgebracht. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wurde von ihrem Ehemann Joachim Sauer nach Schloss Meseberg ins Gästehaus der Bundesregierung begleitet, wo sie Cameron am Abend empfangen hat. „Für uns ist Großbritannien ein wichtiger und unverzichtbarer Partner in Europa“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert in Berlin kurz vor dem Treffen.

Merkel und Sauer empfingen das Ehepaar Cameron und machten zunächst einen Spaziergang mit ihnen. Es ist der Gegenbesuch zu Merkels Visite auf Camerons Landsitz Chequers im Oktober 2010. Dazwischen liegen nicht nur zweieinhalb Jahre, sondern auch einige Verstimmungen über den europapolitischen Kurs Camerons. Deshalb tourt der Premier derzeit durch Europa, um für Verständnis, gar Hilfe für sein europäisches Reformprojekt zu werben. Das sieht ein flexibleres, konkurrenzfähigeres Europa vor, in dem Großbritannien gerne Mitglied bleiben würde – statt einer EU, die sich und die Bürger mit zu ehrgeizigen Projekten überfordert und bei den Briten, wie Cameron anmerkt, „nur noch von einer hauchdünnen Mehrheit“ unterstützt wird.

Der Zeitpunkt seiner Mission könnte aber nicht ungünstiger sein. Abgesehen davon, dass der Tod der früheren Regierungschefin Margaret Thatchers dem Premier zu Beginn seiner Tour einen Strich durch die Rechnung machte, hat Europa keine Zeit für die Sonderwünsche des Briten. Spanien, wo die Rundreise am Montag begann, steckt in einer Existenzkrise, auch Frankreichs Präsident François Hollande ist angesichts der Finanzskandale, des Sparkurses und der Wirtschaftsstagnation schwer angeschlagen. Und in Deutschland wird in diesem Jahr gewählt. Zudem gilt Cameron vielen ohnehin als Luftikus ohne staatsmännische Substanz, der nur unter dem Druck der Euro-Skeptiker eine Politik macht, die den historischen Herausforderungen an Europa nicht gerecht wird.

Aber diese Verächter könnten sich irren, und Merkel scheint dies am besten zu wissen. Kritiker auf dem Kontinent und daheim werfen Cameron Opportunismus und parteipolitisches Taktieren vor. In Wahrheit hat der Brite ein langes Spiel begonnen, bei dem er sich in einer Bahn bewegt, die Großbritanniens Europapolitik seit Jahrzehnten bestimmt. Alt-Bundeskanzler Helmut Kohl erklärte diese Woche der „Times“, Thatcher sei schuld an Großbritanniens „Antagonismus gegen Europa“. „Sie wollte Europa, aber ein anderes Europa als die meisten ihrer europäischen Kollegen und ich.“ Das gilt für Cameron und die meisten Briten noch heute. Nur dass nach Jahren der Schuldenkrise und schwindendem politischem Einfluss Europas mancher fragen wird, ob Thatchers Modell wirklich so viel schlechter gewesen wäre. Hier knüpft Cameron an – in einer Debatte, die Europa bevorsteht. Auch das scheint die Kanzlerin besser zu wissen als viele, die mit europäisch geschwellter Brust auf die Briten schimpfen. Matthias Thibaut

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