Politik : Fanatismus: Mord im Namen des Glaubens

Rolf Degen

Sie legen Bomben und Brandsätze, entführen Passagierflugzeuge und schrecken selbst vor ihrem eigenen Tod nicht zurück. Terroristen, die sich als Revolutionäre oder Freiheitskämpfer verstehen, beschwören mit ihren Schreckenstaten immer wieder die ohnmächtige Frage nach dem Warum herauf. Obwohl nur spärliche Erkenntnisse über ihre Psychodynamik vorliegen, steht heute fest, dass sie keinesfalls durch Geistesstörungen getrieben werden. Terrorismus steckt voller Widersprüche. Doch als Fazit bleibt: Weder der Lebenslauf alleine noch eine isolierte physiologische oder psychiatrische Störung machen einen Menschen zum Terroristen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Den besten Beweis lieferte das FBI, das vor ein paar Jahren Persönlichkeitsprofile von 115 weltanschaulich motivierten Flugzeugentführern erstellte. Gemessen an anderen Gewaltverbrechen und nicht weltanschaulich motivierten Flugzeugentführungen war die Rate von geistigen Störungen und Drogengebrauch bei dieser Gruppe ungewöhnlich niedrig. 35 Prozent der Täter wiesen eine psychiatrische Diagnose auf, die häufig die dehnbare Bezeichnung "Persönlichkeitsstörung" trug. "Es scheint, dass terroristische Organisationen bei der Wahl ihrer Mitglieder selektiver sind als andere Gruppen und psychisch Gestörte wegen ihres Handicaps ausschließen", folgert das FBI. Das ist wohl auch der Grund, warum diese Gruppen mit ihren Flugzeugentführungen fast doppelt so häufig erfolgreich waren wie die anderen Täter. Mit einem Altersdurchschnitt von 28 Jahren waren die Terroristen auch ungewöhnlich jung. Der Frauenanteil war mit 17 Prozent deutlich höher als bei anderen Gewaltverbrechern, während der Anteil der Verheirateten mit 32 Prozent ungewöhnlich niedrig lag.

Die Lebensläufe von Terroristen und anderen Gewalttätern lassen zwar manchmal biographische Brüche wie den Tod des Vaters, Scheidung, oder Konflikte in der Kindheit erkennen. Doch erst in Kombination mit den persönlichen Eigenschaften des Terroristen können diese Faktoren im Einzelfall in die Gewalt führen. Unglaubwürdig ist auch die Theorie von amerikanischen Verhaltensforschern, Aggression sei immer eine Folge von Frustration. Dass Terroristen und andere gewalttätige Menschen mit ihrem brutalen Verhalten nur einen Mangel an Selbstwertgefühl kompensieren, wird durch die Daten ad absurdum geführt. Die Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, wird vielmehr durch ein aufgeblähtes Selbstwertgefühl unterstützt, während Selbstunsicherheit Menschen friedfertig stimmt.

Ob irgendwo terroristische Akte ausgeführt werden, hat wenig mit den objektiven Verhältnissen zu tun. Der Terrorismus ist nicht das Resultat der Wirklichkeit, sondern ihrer Wahrnehmung. Es bleibt rätselhaft, wie eine derart verzerrte Weltsicht mit der Abwesenheit einer psychiatrischen Störung vereinbar ist. Das terroristische Gedankensystem ist offenbar eine extreme Fortsetzung fehlgeleiteten Idealismus und des Gerechtigkeitswahns. Terroristen nehmen sich selbst als Opfer und Leidtragende unwürdiger Mächte wahr, die die Perversion alles Guten symbolisieren und deren Bekämpfung alle Gewalt legitimiert. Der Terrorist meint, für die Humanität zu kämpfen - und richtet dabei ein Blutbad an, in dem jede Humanität ertrinken muss.

Seit dem Niedergang der kommunistischen Ideologie wird dieser "Erlösungswahn" zunehmend durch religiöse Glaubenssysteme befeuert. Die Zahlen beweisen, dass die grausamsten terroristischen Verbrechen im Namen von Religionsführern und Göttern begangen werden. Zwar wurden 1995 nur 25 Prozent der internationalen terroristischen Akte von religiös motivierten Tätern ausgeführt, schreibt der renommierte US-Terrorismusexperte Bruce Hoffman. Aber 60 Prozent aller Toten gingen auf das Konto dieser Tätergruppe. Die schlimmsten Anschläge - sie forderten mehr als acht Tote - wurden sogar ausschließlich von religiösen Tätern verübt. "Während weltlich motivierte Terroristen selten die Auslöschung vieler Menschen anstreben, weil solche Exzesse ihren Zielen schaden, legen es die religiös motivierten oft auf solche Gemetzel an", heißt es bei Hoffmann. "Das Ausmerzen ganzer Kategorien von Menschengruppen ist legitimiert, weil es einer übergeordneten, metaphysischen Reinigung dient." Darum verzichten solche Täter auch auf häufig auf den Appell an weltweite Solidarität und gehen mitunter freiwillig bei ihren Attentaten mit ins Grab.

Für die angegriffene Gesellschaft scheint der Sinn der Taten nur in der Sinnlosigkeit zu liegen. Die Pentagon-Studie "Terrorismus 2000" dazu: "Die Terroristen von morgen werden von keiner politischen Ideologie getrieben. Sie wollen die Zerstörung ihres Gegners. Sport-Arenen, Massenverkehrsmittel, Einkaufszentren werden ihre bevorzugten Ziele sein." Es werden keine Forderungen mehr gestellt, und es gibt kein Bekennerschreiben, das Identität und Motiv der Täter verraten könnte.

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