Farc-Streit : Überraschendes Ende der Andenkrise

Kolumbien, Ecuador und Venezuela legen ihren Streit vorerst bei. Der Konflikt über den Umgang mit den Farc-Rebellen bleibt den drei Nachbarstaaten allerdings erhalten.

Michael Schmidt
Uribe
Venezuelas Präsident Chávez (rechts) spricht mit dem Kolumbianer Uribe (links). In der Mitte: Der Präsident der Dominikanischen...Foto: dpa

Berlin - Erleichtertes Lachen, Beifall, Hochrufe – nach einer langen Woche, in der Lateinamerika am Rand der größten Krise seit dem Falklandkrieg stand, haben die Regierungen Kolumbiens, Venezuelas und Ecuadors ihren Streit beigelegt. Unerwartet reichten sich die Scharfmacher aus Bogotá, Caracas und Quito am Ende eines operettenhaften Gipfeltreffens in der Dominikanischen Republik vor laufender Kamera kameradschaftlich die Hand zum Spontanfrieden. Bevor aus dem kalten Krieg der Worte und militärischen Drohgebärden ein bewaffneter Konflikt werden konnte, klopften sich die Kontrahenten auf die Schultern und lächelten einander freundschaftlich zu. War da was?

Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten, José Miguel Insulza, hatte noch kurz vor der Konferenz gewarnt: Der Konflikt sei noch lange nicht ausgestanden. Venezuelas Präsident Hugo Chávez meinte bei seiner Ankunft in Santo Domingo, es gehe um „Krieg oder Frieden“. Und noch am Freitagmittag waren die Positionen zunächst unversöhnlich aufeinandergeprallt. Kolumbiens Präsident Álvaro Uribe und Ecuadors Staatschef Rafael Correa beschimpften einander als „Helfershelfer von Terroristen“ (Uribe über Correa) und „Lügner“ (Correa über Uribe). Mexikos Präsident Felipe Calderón rief die Streithähne zum Einlenken auf, Gastgeber Leonel Fernández beschwor sie, den Konflikt nicht entgleisen zu lassen. Im Hintergrund scheute die diplomatische Großmacht Brasilien keine Gesprächsmühen, um den Boden für eine Lösung zu bereiten.

Dass das Treffen dann von einem Augenblick auf den anderen tatsächlich zu einem Friedensgipfel wurde, verdankt sich zum einen Hugo Chávez. Der nämlich schwieg, entgegen seiner Natur, über weite Strecken – und durchbrach sein Schweigen nur, um sich schließlich doch für eine friedliche Lösung starkzumachen. Dass die dann auch zustande kam, verdankte sich zum anderen Álvaro Uribe. Der entschuldigte sich dafür, dass Kolumbien bei dem Militärschlag gegen die marxistische Farc-Guerilla auf ecuadorianischem Territorium am vergangenen Wochenende die Souveränität des Nachbarlandes verletzt habe. „Wenn Kolumbien sich verpflichtet, nie wieder ein Nachbarland so zu überrumpeln, können wir diesen schwerwiegenden Zwischenfall überwinden“, sagte Correa – woraufhin Uribe auf ihn zuging und ihm und Chávez die Hand schüttelte.

Uribe versprach, solche Militärschläge würden sich nicht wiederholen. Im Gegenzug sagte Correa zu, er werde Dokumente über eine mögliche Zusammenarbeit seines Landes mit den Farc-Rebellen ernsthaft prüfen lassen. Und Chavez erklärte, er hoffe jetzt wieder auf intensive Handelsbeziehungen mit Kolumbien – das ölreiche Venezuela importiert 30 Prozent aller Grundnahrungsmittel aus dem Nachbarstaat.

Also alles wieder gut im nördlichen Südamerika? Vorgeblich ist alles vergeben – vergessen ist es gewiss nicht. Die Einigungsdeklaration von Santo Domingo lässt alle Beteiligten ihr Gesicht wahren, ist aber nicht mehr als eine Art Waffenstillstand. „Die zugrunde liegenden Konflikte köcheln weiter“, sagt Günther Maihold von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Und zwar unter verschärften, jedenfalls veränderten Rahmenbedingungen. „Kolumbien weiß jetzt, dass es in seinen Nachbarn keine Freunde im Kampf gegen die Guerilla hat“, sagt Maihold. Bei dem Militärschlag war den Kolumbianern ein Koffer mit vier Laptops in die Hände gefallen. Den E-Mails, Briefen und Dokumenten darauf ist zu entnehmen, dass Venezuela und Ecuador die Terroristen unterstützen, mit Waffen, Geld und Öl. Ecuador und Venezuela auf der anderen Seite müssten sich nunmehr im Klaren darüber sein, sagt Maihold, dass sie mit ihren Bemühungen, die Farc politisch aufzuwerten, „Gefahr laufen, international geächtet und isoliert zu werden“. Beide Seiten hätten mithin nach Abschluss der Krise reichlich Grund, ihre jeweiligen Politiken zu überdenken.

Chávez, der wohl einsehen musste, dass er mit seinem Säbelrasseln jede Chance verspielen könnte, sich als Fürsprecher der lateinamerikanischen Einheit darzustellen, scheint nun wieder darauf zu setzen, sein Image als Friedensengel des Südkontinents aufzubessern. Er verfüge über neue Lebenszeichen von zehn Geiseln der Farc, kündigte er in Santo Domingo an. Offenbar hofft er darauf, dass Uribe ihn nach der überraschenden Friedensgeste doch noch einmal als Vermittler in der Geiselfrage akzeptiert.

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