Politik : Fast 200 Tote in Madrid – war es Al Qaida?

Zehn Bomben explodieren in Pendlerzügen / Regierung schließt islamistische Täter nicht aus / Bekennerschreiben droht auch den USA

Ralph Schulze[Madrid]

Madrid. Bei einem der schlimmsten Anschläge in der Geschichte Europas sind am Donnerstagmorgen in Madrid fast 200 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 1250 wurden verletzt. Zehn Bomben detonierten fast zeitgleich in vier vollbesetzten Nahverkehrszügen. Spaniens Regierung beschuldigte zunächst die baskische Terror-Organisation. Nach dem Fund eines Lasters mit Sprengstoff-Zündern und Tonbändern mit Koranversen hieß es jedoch, man ermittle in alle Richtungen. Eine britische Zeitung empfing ein Bekennerschreiben, das auf Al Qaida hindeutet.

In dem Schreiben an die in London erscheinende arabischsprachige Zeitung „Al Kuds al Arabi“ heißt es: „Wir haben erfolgreich das Herz des Kreuzfahrer-Europas infiltriert und eine der Basen der Kreuzfahrerallianz getroffen“. Auch sei ein großer Anschlag auf die USA „zu 90 Prozent vorbereitet“. Der Brief ist unterzeichnet mit „Abu-Hafs-el-Masri-Brigaden“. Abu Hafs el-Masri war der Deckname von Mohammed Atef, des Militärchefs der Al Qaida. Er soll bei den US-Angriffen auf Afghanistan ums Leben gekommen sein. Für die Echtheit des Schreibens, das auch die Verantwortung für das Attentat auf die Freimaurerloge in Istanbul übernahm, gab es keine Bestätigung. Spaniens Regierung reagierte zurückhaltend. Das Schreiben werde mit äußerster Vorsicht analysiert, hieß es.

Regierungschef José Maria Aznar bezeichnete die Tat als „Massenmord". Die Sicherheitsbehörden würden nicht eher ruhen, bis die Verantwortlichen „verhaftet und verurteilt" seien. „Wir werden sie besiegen, daran soll niemand zweifeln.“ Die Explosionen ereigneten sich gegen 7 Uhr 30 im Abstand von wenigen Minuten. Drei der Sprengsätze explodierten im Bahnhof Atocha mitten im Zentrum Madrids. Vier Bomben gingen in unmittelbarer Umgebung hoch, ein weiterer im Bahnhof Santa Eugenia und zwei im Bahnhof Pozo. Drei weitere Sprengsätze wurden rechtzeitig entdeckt.

Am Abend versammelten sich zehntausende Menschen spontan im Zentrum Madrids und demonstrierten gegen den Terror. Für Freitag wurden im ganzen Land Massendemonstrationen angekündigt. Die Regierung rief eine dreitägige Staatstrauer aus. Der Tag des Anschlags war offenbar bewusst gewählt. Am Sonntag wählt Spanien eine neue Regierung, und der Kampf gegen den Terrorismus ist eines der Hauptthemen im Wahlkampf. Der Kandidat der konservativen Regierungspartei, Mariano Rajoy, der politische Erbe Aznars, gilt als Favorit.

Spaniens Innenminister Angel Acebes wies zunächst Spekulationen zurück, wonach das islamistische Terrornetzwerk Al Qaida mit dem Anschlag in Madrid zu tun haben könnte. Am Abend jedoch teilte er mit, an einem Abfahrtsbahnhof der angegriffenen Nahverkehrszüge seien eine Audiokassette mit arabisch gesprochenen Koranversen sowie Zünder in einem gestohlenen Lieferwagen gefunden worden. Vorrangig werde jedoch weiter in Richtung Eta ermittelt, betonte Acebes, der angesichts des Fundes auch ein „Ablenkungsmanöver“ für möglich hielt. Ein Sprecher des verbotenen politischen Eta-Armes hatte zuvor bereits islamistische Terroristen für die Tat verantwortlich gemacht. Al Qaida hatte auch Spanien als engen Verbündeten der Amerikaner im Irak-Krieg mit Terroranschlägen gedroht. Der Chef der EU-Polizeibehörde Europol, Jürgen Storbeck, äußerte in Rom Zweifel, dass die Eta hinter den Anschlägen steht. „Wir haben es mit einem Anschlag zu tun, der nicht dem bisher von der Eta angewandten Operationsstil entspricht“.

Weltweit löste der Terrorakt Entsetzen und eine Welle von Beileidsbekundungen aus. Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte in Berlin, es sei für jeden normal denkenden Menschen einfach völlig unmöglich, diese Anschläge in vollem Umfang zu begreifen. Bundespräsident Johannes Rau schrieb ein Beileidstelegramm an den spanischen König Juan Carlos. US-Präsident George W. Bush rief Aznar an und sprach ihm sein Mitgefühl aus. UN-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich geschockt.

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