Politik : Fauler Zauber

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Die alten Hexenmeister hatten es zuweilen auch nicht leicht. Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss hat den Fall eines Indianer-Schamanen geschildert, der beim Geisterheiler seines Stammes in die Lehre ging und als Erstes einen Schock erlitt. Der Alte mogelte nämlich. Die Heilerei ging so, dass der Zauberer rund um den Kranken den üblichen Zinnober mit Gemurmel und Kräuterdämpfen aufführte und dann nach Art der Vampire dort zu saugen begann, wo es weh tat. Kurz drauf spuckte der Medizinmann Blut – und ein Büschel Federn aus. Der böse Geist, ausgesaugt! Der Zauberlehrling aber lernte, dass er, um das Wunder zu vollführen, ein solches Federbüschel vorher in den Mund nehmen und sich, damit es blutet, selbst auf die Zunge beißen muss. Zweifel, ja Verzweiflung befielen ihn. So ähnlich wie neulich den Hans Eichel, nachdem der leichtsinnig davon gesprochen hatte, er werde die Krankheit der Volkswirtschaft heilen mittels vorgezogener Steuerreform. Dass der Zauberlehrling Hans allerlei Vorbedingungen gestellt hat – wen interessiert das hinterher noch? Vom Schamanen will ja auch keiner hören, dass er gar nicht hexen könne. Auch jener Schamane zauberte also weiter, mit sehr schlechtem Gewissen. Bis er einmal auf Urlaub war, als einer seines Stammes krank wurde. Der Leidende begab sich in die Behandlung fremder Medizinmänner. Die saugten aber nicht, sondern verbreiteten einen Riesengestank und behaupteten, der böse Geist sei verduftet. Der Kranke blieb krank. Als der Haushexer zurückkam, hat er seinen Feder-Zauber vollführt – der Kranke genas. Da verstand der Schamane die Welt nicht mehr. So wenig wie der Hans, wenn es klappen würde.

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