FDP punktet mit Frauen : Jung, hübsch, erfolgreich – na und?

Kapitulation des Feminismus oder selbstbewusst inszenierte Weiblichkeit? Das Dilemma der (attraktiven) Frau in der Politik. Ein Kommentar.

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Die Hamburger FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Katja Suding (l) und die Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner. Foto:
Die Hamburger FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Katja Suding (l) und die Spitzenkandidatin der Bremer FDP, Lencke Steiner.

Es ist der Sonntag der Bremenwahl. In der Nachwahl-Runde wendet sich der Reporter an die FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner: „Und das ist jetzt das Erfolgsrezept, dass man junge, erfolgreiche Frauen nach vorne stellt?“, fragt er. Steiner strahlt. Die Gewinnerin des Abends scheint unerreichbar für den seltsamen Unterton. 6,6 Prozent hat sie für die Bremer FDP geholt, die Partei ist wieder in der Bürgerschaft vertreten. „Ich glaube, das hat mit Frau-Sein nichts zu tun“, sagt Steiner. „Schauen Sie sich die anderen am Tisch an, die sind alle genauso hübsch und erfolgreich.“ Nach „hübsch“ hatte der Moderator zwar nicht gefragt, aber in den Wochen vor der Wahl war Steiner so oft darauf angesprochen worden, dass sie ihre Verteidigung auch ohne Stichwort abliefert.

Ohne Frauen geht es nicht

Mit Katja Suding und Lencke Steiner ist die FDP in Hamburg und Bremen mit zwei Frauen an der Spitze angetreten – und deren Attraktivität war eines der beliebtesten Medienthemen. Das Dilemma, in dem Suding und Steiner stecken, das Dilemma der (attraktiven) Spitzenfrauen, ist allerdings kein genuin politisches. Suding und Steiner stehen für viele.

Frauen sind in Mode. Nach der intensiven Debatte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf und um die Quote ist jetzt Konsens, dass es ohne Frauen nicht geht. Unternehmen, aber auch politische Institutionen bemühen sich um Frauen, oder besser: um die Sichtbarkeit von Frauen. Ein Wahlkampf, ein Gremium, ein Podium in dem nur (ältere) Männer sitzen, sieht gestrig aus. Eine Art positive Diskriminierung ist entstanden, zumindest der Gesichter.

Von nachhaltiger Frauenförderpolitik ist die FDP weit entfernt. Die Freien Demokraten sind eine Männerpartei. 2012 waren 77 Prozent ihrer Mitglieder Männer, und auch unter ihren Wählern sind mehr Männer als Frauen. Gerade deshalb sollten bei den Landtagswahlen Frauen ran. Parteichef Christian Lindner arbeitet an der Inszenierung eines Neuanfangs der Partei, Bilder sind dabei wichtig – und der optische Unterschied zwischen Rainer Brüderle und Lencke Steiner könnte tatsächlich größer kaum sein. Katja Suding hatte sich 2011 schon bewährt.

Hillary Clinton sagt: "I'm a feminist."

Immer mehr Frauen bekommen auf diesem Weg eine Stimme. Doch „normal“ sind Frauen in Spitzenpositionen noch lange nicht. Jede Frau an der Spitze braucht eine Strategie, wie sie damit umgeht. Und diese Strategien wandeln sich. Bislang rückten Spitzenpolitikerinnen ihr Frau-Sein so wenig wie möglich in den Fokus. Kaum eine würde in Deutschland wie Hillary Clinton sagen: „I’m a feminist.“ Ursula von der Leyen inszenierte kurzzeitig ihr Mutter-Sein, hält es aber inzwischen wie Angela Merkel: Männlich uniformiert bietet sie keine Anhaltspunkte für eine Thematisierung ihres Frau-Seins .

Attraktiv zu sein, macht das Dilemma noch größer. Die jüngere Generation der Postfeministinnen, zu der Steiner und Suding gehören, versucht daher, aus der positiven Diskriminierung Profit zu schlagen, das Frau-Sein zur Marke zu machen. Die beiden Kandidatinnen ließen sich gemeinsam mit FDP-Generalsekretärin Nicola Beer von der „Gala“ in engen schwarzen Outfits als „Drei Engel für Lindner“ ablichten, auf einem von Sudings Plakaten stand „Unser Mann für Hamburg“.

Beides spielt mit der sexistischen Einstellung der Gesellschaft, das Plakat auf einer ironischen Ebene, die Gala-Fotos, indem sie der Medienöffentlichkeit das geben, was sie am interessantesten findet. Ein baden-württembergischer Grüner twitterte daraufhin, was viele dachten: „Mit Titten und Beinen statt Inhalten“, schrieb Jörg Rupp nach dem Wahlsieg von Katja Suding Mitte Februar – und musste seine Ambitionen auf die Landesliste aufgeben.

Der Erfolg scheint ihnen recht zu geben

Eingefleischten Feministinnen mag die Strategie gegen den Strich gehen, denn Sudings und Steiners Umgang mit dem Frau-Sein lässt sich auch als Kapitulation lesen. Statt auf eine Veränderung des gesellschaftlichen Klimas zu setzen, bedienen sie Klischees und verstärken sie womöglich. Gleichzeitig spricht aus der offen inszenierten Weiblichkeit ein neues Selbstbewusstsein. Wir verstecken uns nicht mehr.

Der Erfolg scheint ihnen recht zu geben. 22 Prozent der FDP-Wähler in Bremen entschieden sich für die Partei wegen Steiner, ihr Wert war damit fast so hoch wie der des SPD-Spitzenkandidaten Jens Böhrnsen. In Hamburg gaben laut Forschungsgruppe 58 Prozent an, die FDP wegen Suding gewählt zu haben.

Frauen wie Suding und Steiner verstehen es übrigens, den Erfolg, den sie durch Sichtbarkeit errungen haben, in reale Macht umzumünzen. Suding ist nun eine von drei stellvertretenden Bundesvorsitzenden der Partei, Steiner wurde in den erweiterten Bundesvorstand gewählt.

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