Politik : Fehlsch(l)uss

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Von Ernst Reuter, als er Oberbürgermeister von Berlin war, hat die „New York Times“ einmal geschrieben, er verhalte sich „wie der Regierungschef eines kleinen, von feindlichen Territorien umgebenen Landes“. Die „New York Times“ hat gar nicht gewusst, wie Recht sie hat. Der Amerikaner, der das schrieb, hatte natürlich nur die welthistorische Lage im Blick. Nicht ahnen konnte er, dass die Beschreibung völlig unabhängig von Mauern jedweder Art auch auf den einzelnen Berliner zutrifft: Er verhält sich im öffentlichen Leben wie der Chef eines kleinen, nämlich nur aus ihm selbst bestehenden, jedenfalls aber von feindlichen Territorien umgebenen Landes.

Man muss das wissen, um unsere nachhaltige Verblüffung zu verstehen. In der U-Bahnlinie 2 studiert eine Gruppe älterer Anorak-Damen mit orange-gelbem Kirchentagstuch und dem typisch verwirrten Landei-Blick den U-Bahn-Plan. Da erhebt sich ein Einheimischer, fragt höflich (!), ob er helfen könne – und hilft! Sagt, wo sie um- und wo sie dann aussteigen müssen! Später, auf dem Bahnsteig, singt ein Trupp kurzbehoster Pfadfinder-Typen ein Halleluja. Unweit stehen drei Einheimische – und lächeln! Öffentlich! Am helllichten Tage! Es ist ein Geist, der sonst nicht ist. So erstaunlich, dass man ausrufen möchte: Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!

Nur schade, dass die Leitung des Ökumenischen Kirchentages die neue Friedfertigkeit bislang ignoriert. Im Liederheft für den Eröffnungsgottesdienst steht eine Lied-Zeile, die etwas altertümelnd hätte lauten müssen: „Schließt auf dieses Land.“ Aber von wegen Aufgeschlossenheit. Es fehlte im „Schließt“ das „l“.

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