Politik : Fehlstart in die Integration: Immer mehr ausländische Jugendliche sind ohne Ausbildung.

Martin Gehlen

Vom Tellerwäscher zum Millionär - vom Hilfsarbeiter zum Industriekapitän. Solche steilen Lebenskurven nähren nicht nur die Klatschspalten von Zeitgeistpostillen und Managermagazinen, sie bilden auch den Stoff für die populären Erfolgsmythen moderner Industriegesellschaften. Was einzelnen gelingt, sich nämlich ohne Ausbildung im Arbeitsleben bis in Spitzenjobs durchzubeißen, ist den meisten nicht vergönnt. Bei ihnen werden in Schule und Berufsausbildung harte Weichen fürs Leben gestellt. Und bei ihnen ist, wenn dem fehlenden Schulabschluss die abgebrochene Lehre folgt, der Weg in Gelegenheitsjobs, Sozialhilfe und lebenslangen Verdruss bereits unentrinnbar vorgezeichnet. Insofern muss es aufrütteln, wenn - wie jetzt das Bundesinstitut für berufliche Bildung ermittelt hat - allein im letzten Jahr 130 000 junge Frauen und Männer den deutschen Arbeitsmarkt ohne jede Qualifikation betraten. Das sind 12 Prozent aller jungen Menschen dieses Jahrgangs. Sie gesellen sich zu den gut 1,3 Millionen Jungbürgern in der Altersspanne zwischen 20 und 29 Jahren, die zuvor schon ohne Berufsabschluss und befriedigende Einkommensperspektive die Ränder der deutschen Gesellschaft bevölkerten.

Besonders alarmierend ist, dass ein überproportionaler Anteil dieser Schlecht- und Unqualifizierten ausländischer Herkunft sind. Bei den jungen Männern ist das Interesse an einer Ausbildung mittlerweile rückläufig, bei den jungen Frauen stagniert es auf viel zu niedrigem Niveau. Und jedem dritten heranwachsenden Ausländer gelingt es nicht, sich ausreichende Berufskenntnisse anzueignen - trübe Voraussetzungen nicht nur für die Integration in das Erwerbsleben, sondern auch für die Integration in die Gesellschaft. Schließlich fällt dem Bildungssystem auf beiden Ebenen eine Schlüsselrolle zu.

Im Gegenzug wird die Zahl der Einfach-Arbeitsplätze immer geringer. Maschinen übernehmen simple und auch weniger simple Handgriffe in der industriellen Fertigung. Neue Arbeitsplätze im Dienstleistungsbereich dagegen stellen oft deutlich höhere Anforderungen an Sprachgewandtheit, soziale und kulturelle Kompetenz sowie berufliche Flexibilität und Lernbereitschaft. Die Schere zwischen Qualifikation und Arbeitsmarktbedarf klafft auseinander; auffällig selten finden Ausländer eine Lehrstelle im Dienstleistungssektor oder technischen Büros, viel zu oft steht auch hier am Ende das Scheitern. Keine Gesellschaft aber ist gut beraten, wenn sie achselzuckend und tatenlos hinnimmt, wie Berufs- und Chancenlose sich in sozialen Ghettos sammeln, geprägt von chronischer Perspektivlosigkeit, mangelnder Lebensplanung und kriminellem Müßiggang. Schul- und Berufsausbildung sind eine gesellschaftliche Vorleistung - eine Vorleistung der Betriebe, der Steuerzahler und der Familien. Doch sie sind eine Vorleistung im besten eigenen Interesse. Denn die sorgsame Qualifizierung des Nachwuchses gehört zu den zentralen Voraussetzungen für eine leistungsfähige Volkswirtschaft und für eine offene Gesellschaft.

Über viele Jahre hat ein gesellschaftlicher Konsens in diesem Punkt dafür gesorgt, dass die deutsche Jugendarbeitslosigkeit im internationalen Vergleich ausgesprochen niedrig war. Die Zeiten sind offenkundig vorbei. Das Lehrstellenangebot ist beschämend, für zusätzliche Förder- und Sprachkurse an den Berufsschulen fehlt das Geld, Schulreformen kommen nicht von der Stelle. Und der Staat allein kann es nicht richten, sonst bräuchte er mindestens zehn solcher milliardenteuren 100 000-Jobs-Programme. Nur wenn alle gesellschaftlichen Kräfte zusammenwirken, lässt sich dieser Negativtrend erfolgreich umkehren. Doch es regiert die Kurzsichtigkeit.

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