Ferguson : Obamas Hurrikan

Barack Obama ist nicht Präsident der USA, um Klientelpolitik für die Schwarzen zu machen. Aber wie er auf die Vorgänge in Ferguson reagiert, wirkt kalt. Ist Ferguson für Obama das, was Katrina für George W. Bush war? Ein Kommentar.

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US-Präsident Barack Obama winkt, bevor er in das Präsidenten-Flugzeug einsteigt.
Barack Obama wirkt, als seien die Krawalle in Ferguson und das, was sie ausgelöst hat, Business as Usual.Foto: Reuters

Nun kann man hingehen und das alles runtermoderieren. Trotz des zweiten Toten. Man kann also sagen, die Sache mit den Krawallen in Ferguson, der kleinen Stadt nahe St. Louis in Missouri, die soll mal besser niemand aufpumpen zu einem Rassenkonflikt, der für ganz Amerika steht. Das kann man sagen, weil vieles von dem, was da geschieht, seinen Ursprung in der örtlichen Politik und lokalen Ignoranz hat. Wenn die Bevölkerung zu zwei Dritteln schwarz ist und ihre Repräsentanz zu zwei Dritteln weiß, kann das zu Reibungen führen, keine Frage. Wenn dann auch noch in der Polizei drei Schwarze 53 Weißen gegenüberstehen, ist auch das kein gutes Signal, nach innen wie nach außen. Und doch gibt es ein Aber, ein großes Aber.

In den USA ist das Problem der Rassendiskriminierung und Segregation immer noch gegenwärtig. Es flackert immer wieder auf, dann nämlich, wenn es eben diese lokalen Brennpunkte gibt, die ausstrahlen. Aus den vergangenen Jahren gibt es etliche Beispiele. Es kommt dann zu Unruhen über die Stadt, den Bezirk hinaus. Und meistens sind Schwarze betroffen, meistens sind sie die Opfer, auch Opfer sogenannter staatlicher Gewalt. Ist es da ein Wunder, dass sich die Schwarzen in diesem Land, dem selbst ernannten melting pot, dem Schmelztiegel der Nationen und Ethnien, mehrheitlich als Opfer fühlen? Von wegen Opferidentität, wie eines der Stichworte lautet: Historisch gesehen ist ihr Problem, akzeptiert zu werden, ja auch das größte, wurden sie doch als Sklaven ins Land gebracht und so gehalten, ausgebeutet, entrechtet, geschändet. Keine „Affirmative Action“ hat daran in der Tiefe etwas geändert; vielen geht die gewollte und geförderte Beteiligung der schwarzen Bevölkerung längst schon wieder zu weit.

Richtig, die USA sind ein Beispiel für Immigration. Aber auch eines für Integration? Nicht, wenn man sieht, wie separat sie leben, Schwarze neben Asiaten neben … Little Italy heißt ja nicht so, weil dort Chinesen zu Hause wären. Der Begriff des Schmelztiegels kommt einem hier nicht direkt in den Sinn. Was bedeutet, dass Ohnmachtsgefühle verständlicher werden, wenn die je unterschiedlichen Interessen mit Füßen getreten werden. Wenn, zum Beispiel, Schwarze schnell verdächtigt werden, einen Raub begangen zu haben. Oder wenn einer mit sechs Schüssen wie in Ferguson niedergestreckt wird. Dann wird aus Ohnmacht Wut, die sich entlädt in Krieg auf den Straßen. Bis die Nationalgarde kommt.

Fast hat Obama seinen Einsatz verpasst

Es kann sein, dass die Wut nach einer Woche verraucht ist. Aber das grundsätzliche Problem bleibt: dass es immer wiederkommt. Denn Verlierer von Finanz- und Wirtschaftskrisen in den USA waren vor allem die Schwarzen, sind es immer noch. Die amerikanische Gesellschaft ist in der Hinsicht fragil geblieben. Selbst angesichts dieser Fragilität gibt es keinen, der politisch das größere Bild zeichnen will. Keinen Republikaner – die sich doch nicht mit Underdogs solidarisieren! – und keinen Demokraten. Keinen wie, sagen wir, Robert Kennedy. Und das, obwohl ein Schwarzer Präsident ist, der Robert Kennedy als Vorbild sieht.

Nicht dass Barack Obama Klientelpolitik machen sollte. Oder je gemacht hätte. Das ist von ihm auch nicht zu erwarten, so weit weg, wie Obama von der schwarzen Community ist. Der war Bill Clinton näher. Aber Obama lässt Sensibilität fürs Gesamtgesellschaftliche vermissen, von Empathie zu schweigen. Dabei war das Teil der Hoffnung, mit der er gewählt wurde. Nicht um schön zu reden, was er kann, sondern um Wunden zu heilen und zu handeln. Bis auf den Versuch einer Gesundheitsreform, die nicht zuletzt Schwarzen helfen soll, war es zu wenig.

Und jetzt hat er auch noch fast seinen Einsatz verpasst. Tage zu warten, ehe er aus dem Urlaub auf der Insel der (weißen) Etablierten auf das Signal von Ferguson reagiert – das wirkt kalt. Es erinnert an George W. Bush und dessen Reaktion auf die Folgen des Hurrikans Katrina. Auch dieses Bild wird bleiben von einem Präsidenten, der auszog, die Welt besser zu machen, es aber mindestens besser zu machen als Bush. Die Amerikaner denken, dass er es noch schlechter macht als Richard Nixon.

Die Unruhen in Ferguson - eine Chronologie
Der Tod des 18-jährigen Afro-Amerikaners Mike Brown, der unter ungeklärten Umständen von einem Polizisten erschossen wurde, löste im US-Bundesstaat Missouri eine Welle von Protesten und Ausschreitungen aus. Seit über einer Woche gibt es schwere Ausschreitungen in Ferguson, landesweite Proteste und Diskussionen über den genauen Hergang der Ereignisse, die zum Tod des unbewaffneten Teenagers geführt haben.Weitere Bilder anzeigen
1 von 44Foto: AFP
19.08.2014 13:10Der Tod des 18-jährigen Afro-Amerikaners Mike Brown, der unter ungeklärten Umständen von einem Polizisten erschossen wurde, löste...

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