Politik : Fidel Castro: Der Spieler

Armin Lehmann

Ein Rückblick könnte auch so beginnen: Dieser Kubaner, er war ein Held. Die Amerikaner haben ihn verehrt, denn er hat für sie gewonnen. Und für sein Team. Er war ein Sportsmann, wie man ihn selten kannte. Ein fairer Spieler, ein Sieger eben.

Stimmt da etwas nicht? Nun ja, es ist nicht so gekommen. Aber es wäre möglich gewesen - wenn, ja wenn das Jahr 1949 anders verlaufen wäre für den Vater der kubanischen Revolution. 5000 Dollar haben die "New York Giants" Castro damals geboten, um ihn als Baseball-Profi zu ködern - übrigens ausnahmsweise ganz ohne Hintersinn. Er hat das lukrative Angebot abgelehnt, obwohl er ein vielversprechendes Talent war.

So blickt die Welt ungläubig auf einen ganz anderen Fidel Castro: auf den politischen. Und noch immer gibt es viele Fragen zu beantworten: Wie hat es der 74-Jährige nur geschafft, zahlreiche US-Präsidenten zu überleben, warum steht sein Volk weiterhin hinter ihm? Wer ist dieser Mann, dieser Mythos wirklich? Und, sportlich betrachtet: Ist er ein Gewinner oder ein Verlierer?

Dem Geheimnis auf der Spur

Volker Skierka, Autor dieser neuesten Castro-Biografie, kann das Rätsel auch nicht vollständig lösen, nicht alle Fragen beantworten. Das wäre auch zu viel verlangt. Denn die Geschichte kann er nicht vorhersagen. Es ist aber schon ein großes Verdienst, dass sich Skierka überhaupt aufgemacht hat, dem Geheimnis Fidel Castros auf die Spur zu kommen. Herausgekommen ist die erste umfangreiche deutschsprachige Castro-Biografie, eine herausragende Leistung. Die letzte große Lebensbeschreibung stammt von dem US-Autor Robert E. Quirk und ist 1996 auf deutsch erschienen. Quirk hatte mit seinem Buch eine ausgezeichnete "Geschichte Kubas" geschrieben, mit sehr viel Detailkenntnis und großem Rechercheaufwand. Doch die letzten zehn Jahre, die Zeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, dem wichtigsten Handelspartner Kubas, hatte Quirk nur auf wenigen Seiten zusammengefasst und pauschal geurteilt: Die Geschichte habe Fidel Castro wohl überholt.

Skierka macht es besser. Er schafft es, die bekannteren Teile der Castro-Lebensgeschichte spannend nachzuerzählen und zudem mit neu ausgewerteten Quellen Geschichte und Gegenwart Kubas zusammenhängend zu analysieren. Der Autor kommt zum Beispiel zu dem Schluss, dass mit der Ermordung Kennedys auch die große, vielleicht einmalige Chance verpasst wurde, das Verhältnis zwischen Kuba und den USA zu entideologisieren und zu einer Annäherung zu kommen. Denn trotz aller Unterschiede respektierten sich Kennedy und Castro.

Bis heute hat diese Annäherung nicht stattgefunden. Kein anderes Land auf der Welt wird von den Vereinigten Staaten noch immer mit so reflexhafter Ablehnung betrachtet wie Kuba. Die jüngsten Aussagen des neuen US-Außenministers Colin Powell belegen das. Jede Erleichterung der Strafmaßnahmen gegen Kuba sei kühn und waghalsig. "Wir müssen unsere Unzufriedenheit mit der Natur dieser Regierung weiter deutlich machen."

Skierka entlarvt in seinem Buch, ohne zu viel Sympathie für Castro zeigen zu müssen, die Unsinnigkeit dieser Politik. Dabei beschreibt er, dass Castro sich selbst längst nicht mehr allein auf die Wirkung der alten Revolutionsideologie verlassen kann, um die Bevölkerung an seiner Seite zu halten. Der Journalist zitiert den US-Soziologen Irving L. Horowitz. "Der Tod eines Regimes kündigt sich manchmal durch dramatische Ereignisse an ... Aber im Fall von Fidel zeigt es sich durch die Erschöpfung der Ideologie." Nur die US-Regierungen haben dies anscheinend noch nicht begriffen. Das Helms-Burton-Gesetz, das scharfe Handelsbeschränkungen für Kuba vorsieht, gibt Castro Gelegenheit, in den alten Schützengräben des Kalten Krieges gegen die USA zu wettern. So paradox es klingt, die USA ermöglichen es durch dieses Gesetz, dass Castro immer wieder seine bröckelnden ideologischen Fassaden notdürftig erneuern kann.

Dieses Gesetz, schreibt Skierka, gehe "weit über jene Handelsbeschränkung hinaus, wie sie die USA gegen Iran, den Irak oder Libyen verhängt haben". Und das, obwohl "Experten aller politisch-juristischen Disziplinen einhellig der Meinung waren, dass das Gesetz elementar gegen das Völkerrecht verstößt, weil es nationales US-Recht über internationales Recht stellt". Skierkas Urteil: "Das Helms-Burton-Gesetz ist ein unverblümtes Vormundschaftsgesetz gegenüber einem künftigen Kuba."

Das Buch ist deshalb keineswegs eine Stilisierung Castros. Im Gegenteil. Die mangelnde Flexibilität und die ideologische Verbohrtheit Castros werden ausreichend thematisiert. Überzeugend beschrieben sind auch die Ursachen für Castros Zweifel an einer Öffnung der Insel für die Weltmärkte. Castro musste einerseits den Zusammenbruch des Sowjetreiches und damit des wichtigsten Verbündeten mit ansehen und andererseits die globale Vereinnahmung der lateinamerikanischen Nachbarn mit ihren sozialen Folgen wie steigender Arbeitslosigkeit und wachsender Armut. Deshalb träumt er von einem, seinem dritten Weg.

Über Castro wagt Skierka kein abschließendes Urteil. Tatsächlich wird das nur die Geschichte fällen können. Und so bleibt abzuwarten, ob der "Maximo Lider" mit seinem wohl legendärsten Satz Recht behält: "Die Geschichte wird mich freisprechen."

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