Politik : FISCHREICH

Die Insel ist nicht einmal so groß wie ein Fußballfeld. Der Felsen ragt aus dem Viktoriasee und ist nahezu lückenlos von Hütten bedeckt. Zwischen 400 und 1000 Fischer sollen auf Migingo leben. Es dauert drei Stunden mit dem Motorboot, um die Insel von Kenia aus zu erreichen, und sechs Stunden, um vom ugandischen Ufer anzukommen. Seit 2004 streiten sich Kenia und Uganda darum, wem die Insel gehört.

Es gibt verschiedene Versionen, wie lang es die Insel überhaupt schon gibt. Emmanuel Kisiangani vom südafrikanischen Think Tank Institute für Security Studies (ISS) schreibt in einer Analyse, dass die Insel überhaupt erst in den frühen 90er Jahren sichtbar wurde, seit der Seespiegel des Viktoriasees sinkt. Andere Quellen wollen die Insel schon in den 60er Jahren zu Zeiten eines sehr niedrigen Seespiegels gesehen haben. Bewohnt ist sie jedenfalls erst seit etwa 20 Jahren. Zwei Kenianer sollen 1991 als erste auf der Insel gesiedelt haben. Seit 2004 sollen auch ugandische Fischer auf die Insel gezogen sein. Derzeit leben etwa 80 Prozent Kenianer und 20 Prozent Ugander auf dem Felsen. Migingo bedeutet in der Sprache der Luo „verlassen“. Die Luo leben auf der kenianischen Seite des Viktoriasees und haben ein gespanntes Verhältnis zum ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni, weil dieser 2007 nach der umstrittenen Präsidentenwahl Soldaten geschickt haben soll, um seinen alten Freund Mwai Kibaki zu unterstützen. Kibaki ließ sich zum Sieger der Wahl erklären. Sein Gegenkandidat, Raila Odinga, ein Luo aus Kisumu, warf Kibaki Wahlbetrug vor. Bei den Kämpfen nach der Wahl wurden rund 3000 Menschen getötet. Und genau in dieser angespannten Situation schickte Museveni auch eine Gruppe von Grenzpolizisten auf die kleine Insel im Viktoriasee. Kenianische Fischer sollten nun Lizenzgebühren bezahlen, um ihrer Arbeit nachzugehen. Das wollten die Kenianer nicht auf sich sitzen lassen. Ein Bezirksgouverneur reiste an, riss die ugandische Flagge ab und hisste die kenianische Flagge.Daraufhin schickte Museveni 60 Soldaten. Viel mehr hätten auf der Insel auch keinen Platz gehabt. Nur geschossen wurde nicht.

2009 beschlossen Uganda und Kenia eine Expertengruppe zu benennen, die den genauen Grenzverlauf ermitteln sollte. Das nie offiziell veröffentlichte Ergebnis war, dass die Insel zu Kenia gehört. Ugandas Präsident gab das auch zu, fügte bei einer Rede in Tansania aber hinzu, die Gewässer um die Insel gehörten Uganda. Damit sprach er aus, was hinter diesem Grenzkonflikt steht: Es geht um die Ressourcen des Viktoriasees. Und dem See geht es schlecht.

Die Existenz von rund 30 Millionen Menschen in Kenia, Uganda und Tansania hängt direkt am Viktoriasee. Der größte tropische See der Welt verfügt über eine einzigartige Artenvielfalt. Viele Fischarten gibt es ausschließlich im Viktoriasee. Doch vor allem die Überfischung setzt dem See zu. Nach Angaben des örtlichen Fischereiverbands werden im Jahr rund 800 000 Tonnen Fisch mit einem Wert von etwa 590 Millionen Dollar aus dem See geholt. Aber die Fischbestände nehmen dramatisch ab. Etwa 80 Prozent der kommerziell genutzten Fischpopulationen sind innerhalb der vergangenen drei Jahre zusammengebrochen. Experten gehen davon aus, dass der See sich noch erholen könnte, wenn es für mindestens fünf Jahre ein Fischfangmoratorium gäbe. Doch angesichts der Armut entlang des Sees ist das ziemlich unrealistisch. Und es ist nicht das einzige Problem, das dem See zusetzt. Wegen der Armut werden die Bäume abgeholzt, um das Holz direkt oder als Holzkohle zum Kochen zu benutzen. Bei Regen wird die Erde deshalb in den See geschwemmt, sie ist wegen der intensiven Landwirtschaft mit Pestiziden und vor allem Dünger belastet. Auf dem See breiten sich deshalb Wasserhyazinthen aus, Häfen wuchern zu, manche Teile des Sees kippen um, weil es keinen Sauerstoff mehr gibt. Und dann wird das Wasser auch noch zur Bewässerung genutzt. Der Seespiegel sinkt aber zudem, weil durch den Klimawandel die Temperaturen steigen und mehr Wasser verdunstet.

Wie der Konflikt um Migingo ausgeht, ist völlig offen. In diesem Jahr haben die beiden Regierungen eine weitere Demarkationsmission angekündigt. Kenia wollte aber im August 50 Verwaltungsbeamte auf der Insel installieren, die dort aber von ugandischen Sicherheitskräften nicht an Land gelassen wurden. Und vor allem: Auch vor Migingo sinkt der Fischbestand. Die Fischer, die wegen der guten Verdienstmöglichkeiten gekommen waren, berichten nun von immer weniger Fisch, den sie verkaufen können. deh

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