Politik : Flasche leer, Amt weg

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600 Jahre Bremer Rathaus – so etwas muss begossen werden. Doch das Weinfest dazu hinterließ gleich zwei begossene Pudel: einen Obdachlosen, der von Wirtschaftssenator Peter Gloystein mit Sekt überschüttet wurde, und auch den CDUPolitiker selber, der auf Druck einiger Großkoalitionäre schließlich zurücktrat – nach nur acht Monaten im Amt und ohne Pensionsanspruch.

„Deutsche Weinwoche 2005“ nannte sich das Fest, das der 59-jährige Gloystein auf dem Bremer Marktplatz eröffnen sollte. Der Senator für Wirtschaft, Häfen und Kultur, zugleich Stellvertreter von Bürgermeister Henning Scherf (SPD), hielt dazu eine Großflasche Winzersekt in der Hand. Bei seiner Rede fühlte sich Gloystein von dem obdachlosen Udo O. gestört, der unterhalb des Podiums stand und „zu der Flasche strebte“, so Gloystein. „Da habe ich sie ihm unglücklicherweise auf den Kopf gegossen“, schilderte er später seine „Affektreaktion“. „Das war natürlich sehr blöd und peinlich.“

Zunächst hatte er noch sichtlich Spaß an der Sache, wie Fotos beweisen. Erst als der durchnässte 44-Jährige in Tränen ausbrach und Strafanzeige wegen Beleidigung und Körperverletzung stellte, kam der CDU-Mann zur Besinnung. Er entschuldigte sich beim Opfer, bot ihm Entschädigung an und wollte ihm auch gleich seinen teuren Kugelschreiber überlassen.

Damit sei alles überstanden, glaubte Gloystein zunächst ebenso wie Bürgermeister Scherf und der CDU-Landesvorsitzende Bernd Neumann. Doch dann legte SPD-Fraktionschef Jens Böhrnsen dem Koalitionsfreund den Rücktritt nahe: Die Menschenwürde könne man nicht „mit einem Kugelschreiber abkaufen“. Auch der CDU-Fraktionsvorstand soll auf Gloysteins Abgang gedrängt haben. Die Grünen-Opposition kündigte einen Misstrauensantrag an. Am Ende war Gloystein nicht mehr zu halten. „Ich bedauere den Zwischenfall aufrichtig“, schrieb er in seinem Rücktrittsbrief, und er versicherte, er habe den Obdachlosen keineswegs „beleidigen oder diskriminieren“ wollen.

Scherf plant nun keine Kabinettsumbildung. Einen Gloystein-Nachfolger zu finden, sei jetzt allein Sache der CDU. Die wird sich schwer tun. Denn niemand reißt sich darum, Wirtschaftssenator eines hoch verschuldeten Bundeslandes zu werden. Der Frankfurter Bankier Gloystein war in große Fußstapfen getreten: Sein Vorgänger Hartmut Perschau war ein umgänglicher, parteiübergreifend respektierter Politprofi. Der wenig redegewandte Gloystein hatte dagegen einige Probleme, sich an den Politikbetrieb zu gewöhnen.

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