Politik : Flüchtlingsdienst fordert großzügige Visapraxis

Matthias Meisner

Berlin - Der Zwischenruf in der Diskussion um massenhaften Visamissbrauch kommt vom Jesuiten-Flüchtlingsdienst – und der sehnt sich zurück nach den Zeiten, als Visa für Deutschland noch großzügig vergeben wurden. Der Berliner Jesuitenpater Jörg Alt, der sich seit Jahren für in Deutschland lebende Illegale engagiert, schrieb jetzt einen Brief an die Mitglieder des Visa-Untersuchungsausschusses. Seine These: Die frühere Weisung des Auswärtigen Amtes, im Zweifel für die Reisefreiheit zu entscheiden, sei besser als die inzwischen geltenden restriktiven Regelungen.

Der Jesuitenpater begründet das in seinem dem Tagesspiegel vorliegenden Schreiben so: Viele Menschen würden „lieber illegal in Deutschland ausharren als zu riskieren, in eine Situation zu kommen, in der sie sich die Wiedereinreise nicht mehr rechtzeitig leisten können“. Alt bestreitet nicht, dass in früheren Jahren Visa zweckentfremdet wurden, weil deren Inhaber in Deutschland schwarzarbeiteten. Früher aber seien viele Reisende mit Touristenvisa zwischen dem Arbeitsort in Deutschland und dem Herkunftsland gependelt, hätten sich ihren sozialen Lebensmittelpunkt in der Heimat erhalten. Eine „Dauereinwanderung“ habe nicht stattgefunden.

„Die derzeitige, restriktive Praxis hingegen befördert den illegalen Daueraufenthalt“, schrieb Alt an die zuständigen Bundestagsabgeordneten – und forderte eine „differenziertere Debatte“. Viele, die einmal mit einem Besuchsvisum nach Deutschland kamen, würden jetzt auf Dauer bleiben, weil sie den für das Überleben der Familie im Herkunftsland wichtigen Arbeitsplatz nicht aufs Spiel setzen wollten. Alt fragt sich: „Ist das wirklich eine Verbesserung?“

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