Formel E-Rennen : Berlin ist kein Sonderangebot

Die Stadt sollte den öffentlichen Raum nicht für kommerzielle Events verscherbeln. Ein Kommentar.

Peter von Becker
Betonmauer entlang der Rennstrecke der Formel E auf der Karl-Marx-Allee in Berlin. Foto: dpa
Betonmauer entlang der Rennstrecke der Formel E auf der Karl-Marx-Allee in Berlin.Foto: dpa

Es klingt schon irre. Da stellt Berlin mitten in der Stadt seine Straßen für ein internationales Autorennen der Elektro-Formel E zur Verfügung, es werden bei Eintrittspreisen zwischen 18 und 85 Euro (plus 30 Euro für den Zugang zur „Boxengasse“) bis zu 25 000 Zuschauer erwartet, dazu gibt es die Fernsehrechte und jede Menge Werbung – aber der Berliner Senat will von dem privaten Veranstalter für die Überlassung des Stadtraums kein Geld.

Der Senat das Wagenrennen für eine abgabenfreie Veranstaltung „im öffentlichen Interesse“

Während tausende Bürger, nicht nur entlang der Rennstrecke an der Karl-Marx-Allee und rund um den Strausberger Platz, wegen der Absperrungen und Reduzierung des öffentlichen Nahverkehrs sich tagelang nur eingeschränkt und in anhaltenden Staus bewegen können, frohlockt Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU), dass so ein auf Sportkanälen übertragenes Rennen eine ganz wunderbare Werbung für Berlin und für die E-Mobility sei. Der gute kommerzielle Zweck heilige also den freiwilligen Verzicht auf die Geldmittel.
Eigentlich wären bei einer solchen Sondernutzung von öffentlichen Straßen und Plätzen Gebühren angefallen. Die Bezirke Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg sind deshalb empört, dass sie als unmittelbar Betroffene eines auch im Hinblick auf Sperrungen, Reinigung und Polizeieinsätze kostenträchtigen Privatvergnügens nicht die Gebühren in Höhe von insgesamt etwa 400 000 Euro erhalten sollen. Obwohl die Berliner Bezirke so klamm bei Kasse sind, hält der Senat das Wagenrennen für eine abgabenfreie Veranstaltung „im öffentlichen Interesse“.
Nichts gegen Elektro-Autos, nicht mal mit Tempo 200. Aber hier steht das Geschäft über dem Gemeinwohl. So dürfte man sich nicht nur in Buenos Aires, Long Beach, Paris oder London über derlei Großzügigkeit wundern. Tatsächlich ist Berlin nicht mehr arm und sexy, sondern eher: arm, aber eventgeil. Wie in keiner vergleichbaren Hauptstadt der Welt wird hier der öffentliche Raum zweckentfremdet oder gar billig verhökert.
Die Verunstaltungen vorm Brandenburger Tor, auf dem Pariser Platz und an anderen symbolträchtigen Orten der Stadt, jahrelang beklagt, sind kaum seltener geworden, die sonstigen Straßensperrungen sogar mehr. Und selbst ausgemachte Fußballfans können angesichts der notorischen Dauer-Fanmeile auf dem 17. Juni allergisch werden. Als gäbe es bei der kommenden Fußball-Europameisterschaft nicht genügend Gelegenheiten fürs Public Viewing.

Der öffentliche Raum einer Stadt gehört zu allererst ihren Bürgern

Da verelenden Berliner Schulen, und es knirscht bei der Infrastruktur trotz gestiegener Steuereinnahmen, es fehlt an allen Ecken. Auch am richtigen Selbstbewusstsein. Einerseits rühmt man sich selbstgefällig als hippste Stadt der Welt – und knickt doch vor allem ein, was nur ein bisschen Medien- und Massensause verheißt. So, als sei Berlin am besten: ein Sonderangebot.
Der öffentliche Raum einer Stadt gehört zu allererst ihren Bürgern und auch ihren Besuchern. Die beispielsweise das Brandenburger Tor nicht hinter Stellwänden, Tribünen, Dixiklos suchen wollen. Und die sehr gut verstehen, dass ein Autorennen nicht umsonst sein kann. Nicht mal für die, die daran verdienen.

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