Frankreich : Wie Sarkozy über Merkel lästerte und Libyen nutzte

Dass Nicolas Sarkozy und Angela Merkel unterschiedliche Charaktere sind, ist bekannt. Ein Buch des früheren Pariser Ministers Bruno Le Maire enthüllt, was der französische Ex-Präsident wirklich von der Kanzlerin hielt.

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Wiedersehen in Berlin. Kanzlerin Merkel und Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy im vergangenen Februar im Kanzleramt.
Wiedersehen in Berlin. Kanzlerin Merkel und Frankreichs Ex-Präsident Sarkozy im vergangenen Februar im Kanzleramt.Foto: dpa

Nicolas Sarkozy nennt Angela Merkel „Mamie“. Das hört sich zwar nach „Mutti“ an, ist aber noch weniger schmeichelhaft, denn es bedeutet „Omi“. Natürlich hat Sarkozy die Kanzlerin, zu deren Markenzeichen die Vorsicht gehört, so nicht in ihrem Beisein bezeichnet. Die halb belustigte, halb herabwürdigende Äußerung fiel im Kreis von Sarkozys engsten Vertrauten. Dass die Öffentlichkeit nun erfährt, wie Frankreichs damaliger Präsident während der Euro-Krise den Politikstil der deutschen Regierungschefin wirklich bewertete, ist Bruno Le Maire zu verdanken. Der ehemalige französische Landwirtschaftsminister hat aufgeschrieben, was er in der Zeit zwischen Ende 2010 und Mai 2012 an der Seite von Präsident Sarkozy erlebt hat. Herausgekommen ist eine brillante Chronik.
Bruno Le Maire gehörte zum inneren Kreis um Sarkozy, wiederholt schien der Minister in der 2012 abgelaufenen Regierungszeit der konservativen UMP für Höheres berufen, etwa für die Leitung des Außenamtes. Aber Sarkozy brauchte ihn an der Spitze des wichtigen Landwirtschaftsministeriums, wo Le Maire trotz der üblichen Elite-Ausbildung an der Ecole Nationale d’Administration ein feines Sensorium für die Nöte der französischen Bevölkerung bewies. Nach der Wahlniederlage Sarkozys ist er heute wieder einfacher Abgeordneter und meldet sich regelmäßig in der Richtungsdebatte innerhalb der UMP zu Wort.

Kampf um die Wiederwahl

Seine Aufzeichnungen unter dem Titel „Zeiten der Macht“ setzen zu einem Zeitpunkt ein, da das Ansehen Sarkozys in der Bevölkerung schon reichlich ramponiert ist: Das protzige Bling-bling-Gehabe des Präsidenten und seine verbalen Ausfälle in aller Öffentlichkeit blieben nicht ohne Folgen. In dieser Situation beginnt Sarkozy einen aussichtslos erscheinenden Kampf um die Wiederwahl, abwechselnd in den Höhen der internationalen Politik und in der Tiefe, bei den Wählern, nicht zuletzt den Landwirten.

Le Maires Buch, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, ist im vergangenen Jahr mit dem französischen Literaturpreis für das beste politische Buch ausgezeichnet worden – zu Recht. Denn die Chronik bietet zweierlei: einen unverstellten Blick auf den Impuls-Politiker Sarkozy und eine genaue Beschreibung von Macht und Machtverfall. Die Aufzeichnungen enden mit Sarkozys Niederlage gegen den Sozialisten François Hollande, die am Ende überraschend knapp ausfiel.

Auf mehreren Ebenen zeichnet Le Maire die letzten eineinhalb Jahre von Sarkozys Amtszeit nach. Einmal sind da die unzähligen Reisen des Landwirtschaftsministers in die Provinz, bei denen Le Maire feststellt, dass die Unterstützung für den Präsidenten immer mehr erodiert. So berichtet er von einem Besuch am Ärmelkanal, wo ihn örtliche Abgeordnete zu einem Aufstand gegen den Staatschef anstiften wollen. „Wir könnten Nicolas“, kolportiert der Minister die Worte der dortigen Abgeordneten, „für seine Arbeit danken und ihm erklären, die Voraussetzungen für seine Wiederwahl seien nicht mehr gegeben“. Doch am Ende wird nichts aus derartigen Umsturzplänen. Le Maire analysiert: „Zu groß ist der Druck des Gehorsams, der Parteibasis und des Legitimismus, der die Rechte zusammenschweißt.“
Während Sarkozy zu Hause der Wind ins Gesicht bläst, kann sich der Präsident international in Szene setzen. Vor allem die Euro-Krise und der Militäreinsatz in Libyen bieten ihm dabei politische Gestaltungsmöglichkeiten. Le Maire erhellt dabei mit seltener Klarheit die Unterschiede der Charaktere Merkels und Sarkozys, die zu den entscheidenden Akteuren der Euro-Krise wurden. Dass der vorpreschende Sarkozy und die bedächtige Merkel nur langsam als politisches Paar zusammenfanden, ist hinlänglich bekannt.

"Sie ist komisch, Angela"

Neu sind aber beispielsweise die Lästereien, die Sarkozy für die Essgewohnheiten der Kanzlerin übrig hat. Einmal berichtet er seiner Entourage genüsslich, dass Merkel sich im Hotel stets die Mühe mache, wegen der angeblich besseren Qualität zum Frühstück ans Buffet zu gehen, statt sich das petit-déjeuner auf dem Zimmer servieren zu lassen. „Sie ist komisch, Angela“, lautet Sarkozys Kommentar. Ein anderes Mal beschreibt Le Maire eine Szene, in der Sarkozy nach einem 45-minütigen Abendessen zu Ehren des südafrikanischen Präsidenten erzählt, solche knapp gehaltenen Diners seien mit „unserer Angela“ nicht zu machen. Die Kanzlerin lasse sich gerne Zeit für den Käse zum Nachtisch.
Diese Anekdoten bilden aber gewissermaßen nur den Vordergrund im Gesamtgemälde des deutsch-französischen Verhältnisses, das sich nach der Einschätzung von Bruno Le Maire seit dem Umzug von Bonn nach Berlin grundlegend gewandelt hat. Der „Umzug vom Rhein nach Preußen“, meint der Deutschland-Kenner Le Maire, habe eine kulturelle Veränderung mit sich gebracht, die nur schwer zu überwinden sei.


Sein Buch ist vor allem deshalb lesenswert, weil sich der Autor nicht nur als Bewunderer von Sarkozys Elan zu erkennen gibt. Darüber hinaus lässt er nichts an der Persönlichkeit des Ex-Präsidenten aus: Sein unwillkürliches Schulterrollen, sein bisweilen grotesker Hang zum Komödiantischen, seine unverblümte Wortwahl. Als der Präsident etwa am Kabinettstisch den Libyen-Einsatz erläutert, sagt er, worum es ihm geht: um ein „Europa, das den Amerikanern zeigt, wo es langgeht“. Le Maire bietet dabei mehr als eine bloße Abbildung der jeweiligen Aktualität. Seine tagebuchartigen Eintragungen rundet er häufig mit philosophischen Betrachtungen über die Politik ab, etwa über die alltägliche Gewalt in sämtlichen Zeitzonen: „Als Politiker taucht man in die Gewalt ein, die der Welt seit jeher innewohnt. Und wozu? Mit welcher Aussicht, sie einzudämmen?“
Zu den beklemmendsten Kapiteln gehört die Beschreibung einer Begegnung mit dem vom Alter gezeichneten Jacques Chirac, der im Gespräch große Erinnerungslücken offenbart. Schonungslos beschreibt Le Maire, wie der ehemalige Staatschef immer wieder nachfragt, für wann sein bevorstehender Besuch beim Landwirtschaftssalon geplant sei. Nach einer halben Stunde will sich Le Maire von Chirac verabschieden. Doch dann kommt die Pointe, die der studierte Literaturwissenschaftler stilsicher setzt: Am Ende ist es Chirac, der Le Maire seine Vergesslichkeit vor Augen hält. Der Minister hat seinen Mantel liegen lassen.

– Bruno Le Maire: Zeiten der Macht. Hinter den Kulissen internationaler Politik. Rowohlt Verlag, Reinbek 2014. 347 Seiten, 22,95 Euro.

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