Politik : Frankreich will Sterbehilfe legalisieren

Sabine Heimgärtner[Paris]

„Das Leben gehört nicht der Politik“. Dieser Satz des französischen Regierungschefs Jean-Pierre Raffarin hatte vor einem Jahr landesweit Entsetzen ausgelöst, nachdem sich fast 90 Prozent der Franzosen für das Recht auf eine freie Entscheidung über ihren Tod ausgesprochen hatten. Die Debatte um Sterbehilfe war 2003 durch den Tod des jungen Vincent Humbert ausgelöst worden, der – querschnittgelähmt, stumm und fast blind – von Staatspräsident Jacques Chirac vergeblich erbeten hatte, sterben zu dürfen. Nun diskutiert die französische Nationalversammlung seit Freitag ein Sterbehilfegesetz, das am kommenden Dienstag voraussichtlich einstimmig verabschiedet wird.

Im Fall Humbert hatte der 22-Jährige seine Mutter gebeten, ihm Gift zu verabreichen. Sie entsprach diesem Wunsch. Wenige Tage später schaltete der zuständige Chefarzt Frédéric Chaussoy die lebenserhaltenden Geräte aus. Gegen ihn und die Mutter läuft seit Januar 2004 deshalb ein Ermittlungsverfahren wegen „vorsätzlicher Vergiftung und Tötung“. Seitdem diskutiert ganz Frankreich über die Lockerung des strikten Euthanasie-Verbots, denn sowohl der Mutter Marie Humbert als auch dem Arzt drohen hohe Gefängnisstrafen.

Mit der Gesetzesinitiative können sie nun auf Straffreiheit hoffen. Die geplante gesetzliche Regelung verbietet zwar die aktive Sterbehilfe, erlaubt aber Entscheidungen zugunsten passiver Sterbehilfe in Absprache mit mindestens zwei Ärzten und den Angehörigen eines Schwerkranken ohne Aussicht auf Genesung. Gesundheitsminister Philippe Douste-Blazy bezeichnete den Text als „Erfolg bezüglich des Rechtes auf ein Sterben in Würde“. Er betonte, die Reform setze „Heimlichkeiten, Zweifeln und Gewissensbissen“ vieler Ärzte ein Ende. Schätzungen zufolge schalten in Frankreich Mediziner jährlich in rund 150 000 Fällen lebenserhaltende Maschinen ab. Die meisten dieser Fälle wurden bisher geheim gehalten.

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