Politik : Frauen in der Bundeswehr: Soldatinnen stoßen in deutschen Kasernen auf starke Vorbehalte

Kristina Dunz

Die Kasernentore stehen den Frauen vom 1. Januar an offen, doch mit offenen Armen werden viele Soldaten sie nicht empfangen. Die Vorbehalte gegen Frauen, die nun in die Jahrzehnte alte Männerdomäne des Dienstes an der Waffe vordringen werden, sind vielfältig. Zwar wird dem weiblichen Geschlecht oft größere Zähigkeit und Leidensfähigkeit zugeschrieben. Doch einsatzerprobte Soldaten halten Frauen für ungeeignet, unter extremen Bedingungen zu verharren. Und ein großes Problem sehen viele im Alltag.

Sexualität wird eine besondere Rolle spielen. Generalinspekteur Harald Kujat hat einen Verhaltenskodex angekündigt. Darin sollen Anstand und gute Sitten beschrieben werden. Gesetz in der Bundeswehr ist bereits, dass kein Soldat einen anderen ohne Erlaubnis anfassen darf. Sexuelle Belästigung beschreibt das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr in einer aktuellen Studie aber als ungelöstes Problem. In einer Umfrage von 1998 in der belgischen Armee berichteten fast 40 Prozent der Frauen von unerwünschten Berührungen. Fünf Prozent sprachen von sexueller Erpressung und drei von sexueller Gewalt. Ähnliche Ergebnisse habe es in den USA gegeben. Andererseits haben Soldaten inzwischen auch Angst vor falschen Beschuldigungen.

Dann sind da noch die Umgangsformen, die unter Soldaten entsprechend der Dienstgrade klar geregelt sind, bei Frauen aber womöglich nicht mehr gelten. Hält der Mann der Frau nun die Tür auf oder nicht? Hilft er ihr in die Jacke oder beim Tragen? Darf er einen schmutzigen Witz erzählen? Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums plädiert für einen unverkrampften Umgang. "Mir fällt doch kein Zacken aus der Krone, einer Frau die Tür aufzuhalten, auch wenn sie einen niedrigeren Dienstgrad hat", sagt er. Üblich ist das in der Bundeswehr aber nicht. Von anzüglichen Witzen in Gegenwart von Frauen rät er hingegen ab, weil man da schnell "mit dem Kopf zuerst im Fettnäpfchen" lande. Die Streitkräfte seien Teil und Spiegel der Gesellschaft. Es gebe auch Ehemänner, die ihren Frauen noch nie in den Mantel geholfen hätten.

Die völlige Öffnung der Bundeswehr für Frauen ist eine Errungenschaft der jungen Elektronikingenieurin Tanja Kreil. Sie war dafür bis vor den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg gezogen und hatte Anfang des Jahres Recht bekommen. Der Bundestag änderte danach das Soldatengesetz und auch das Grundgesetz. Kreil selbst will jedoch nicht mehr Soldatin werden.

Die Startbedingungen für die ersten Jahrgänge der Frauen seien gut, urteilt das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr, das einen revolutionären Wandel prognostiziert. Frauen genössen hohe Aufmerksamkeit, Toleranz und Akzeptanz, ihre Ausbilder seien "handverlesen" und optimal vorbereitet. Die Frauen wiederum wären sich ihres Status bewusst und kompromissbereit. Neben den Skeptikern gibt es etliche Soldaten, die sich auf den Frauen-Einzug freuen. Der Ton werde milder und damit angenehmer, sagen sie. Die Frauenbeauftragte im Verteidigungsministerium, Rita Scholz-Villard, hat beobachtet, "dass Frauen von heute in der Bundeswehr auf Männer von gestern treffen". Der Sprecher der Ministeriums bestätigt das. Es werde sich aber zeigen, dass es auch viele "Männer von morgen" gebe.

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