Frauentag : Italiens Parlamentspräsidentin will nicht mehr "il Presidente" sein

Aufstand im Palazzo: Italiens Parlamentspräsidentin Laura Boldrini verordnet der Volksvertretung eine Sprache, in der auch Frauen vorkommen.

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Italiens Parlamentspräsidentin Laura Boldrini
Italiens Parlamentspräsidentin Laura BoldriniFoto: epa-dpa

Deutschland hat sich kurz vor dem Frauentag die Quote verordnet, aber auch in Italien riecht dieser 8. März weniger nach jenen gelben Mimosen, die Mann dann gern den Damen überreicht, sondern ein bisschen nach Revolution. In dieser Woche nämlich hat Parlamentspräsidentin Laura Boldrini die Verwaltung des Abgeordnetenhauses angewiesen, in offiziellen Schriftstücken nicht nur von Männern zu reden, sondern Frauen – die Ministerin, die Staatssekretärin - zu benennen, wenn die Gemeinten Frauen sind. Die Abgeordneten bat Boldrini in einem Brief zugleich, dies auch in ihren Reden zu beachten.


Die Macht ist männlich

Vom hierzulande neuerdings diskutierten generischen Femininum - also kurz von „Kolleginnen“ zu sprechen, wenn auch der ein oder andere Kollege unter den Angesprochenen ist – ist Italien, man sieht's, also noch meilenweit entfernt. Doch auch dieser bescheidene Reformvorschlag katapultierte die Präsidentin praktisch in Minutenschnelle in einen Shitstorm in den sozialen Netzwerken und brachte ihr den Hohn der Abgeordneten-, jawohl, Kolleginnen ein: Sie habe wohl nichts Besseres zu tun oder: Formalitäten, wo denn die Substanz bleibe? In einem Land, wo die erste Frau an der Spitze der größten Gewerkschaft darauf besteht, „Vorsitzender“, „Segretario“, zu heißen und wo nicht einmal Berlusconis Frauenministerin etwas dagegen hatte, als „der Minister für Gleichberechtigung“ angesprochen zu werden, werden schon kleine Kratzer am wahren Geschlecht der Macht hart geahndet.

"Der Autor" heißt Laura und ist Präsident

Die Parlamentspräsidentin hat Erfahrung damit: Als sie 2013 ins Amt kam und das offizielle Papier mit dem korrekten Briefkopf „La Presidente della Camera“ bedrucken ließ, wütete vor allem die Rechte, sie verschwende öffentliches Geld. Die großen Zeitungen stellten sich schlicht taub gegen ihre Forderung, nicht als „il“, sondern als „la Presidente“ tituliert zu werden. Einen Namensbeitrag von Boldrini unterschrieb La Repubblica ungerührt mit „Der Autor ist Präsident der Abgeordnetenkammer“. Im aktuellen Repubblica-Bericht über Boldrinis Initiative ging die Autorin immer noch sichtbar auf Distanz zur „Frau Präsidentin“. Die konservative Konkurrenz, der „Corriere della sera“ spielte die Sache gleich zum Zickenkrieg zwischen Boldrini und der Fraktionschefin von Berlusconis „Forza Italia“ herunter und stutzte sie zur Notiz auf einer hinteren Seite zurecht.

Frau Bundeskanzler und Madame le Président


Doch „la Presidente“ scheint entschlossen, diesen Kampf zu gewinnen: Mit der Realität wandle sich auch die Sprache, argumentiert Boldrini. Wenn sie die Frauen verschweige - sie machen erstmals 30 Prozent der Abgeordneten im Parlament in Rom aus - sei auch dies ein Akt der Gewalt gegen Frauen. Dafür hat sie nicht nur ein Gutachten der „Accademia della Crusca“ hinter sich, der 1583 gegründeten altehrwürdigen Hüterin der italienischen Sprache. Boldrini verweist auch auf Beispiele aus dem Ausland. Ob sie an Deutschland dachte? Trotz böser Wortgefechte um die Abschaffung des generischen Maskulinums - alle sind Männer, auch wenn die Mehrzahl Frauen sind - muss sich Angela Merkel keinen "Frau Bundeskanzler" gefallen lassen. Und selbst die konservative Frankfurter Allgemeine hat ihre Macho-Marotte, jede Abgeordnete, Präsidentin, Unternehmenschefin, Ministerin stets als "Frau" zu kennzeichnen, zwischen stillschweigend abgelegt.

Boldrini hatte auf jeden Fall Frankreich im Sinn. Auf Twitter dankte sie ausdrücklich ihrer Pariser Amtsschwester Sandrine Mazetier für deren Besuch in Rom in diese Woche. Mazetier, Vizepräsidentin der Nationalversammlung, hatte letztes Jahr einem Abgeordneten 1378 Euro Strafe aufgebrummt, weil der trotz Mahnungen darauf bestand, sie als „Madame le Président“ anzusprechen. Der gemaßregelte Volksvertreter hat allerdings die Académie francaise hinter sich. Für Frankreichs "Unsterbliche" ist und bleibt "Président" unsterblich männlich. Präsidentinnen gibt's einfach nicht.

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