Freiheitskämpfer Denis Goldberg : "Wir wollten das System fertig machen"

Südafrika gerät zunehmend ins Blickfeld. 2010 soll hier die Fußball-Weltmeisterschaft stattfinden, gleichzeitig häufen sich Meldungen über Unruhen. Den Weg in die Zukunft haben Menschen wie Nelson Mandela frei gemacht. Oder Denis Goldberg, der als Weißer ebenfalls gegen den Rassismus in seinem Heimatland kämpfte und dafür 22 Jahre im Gefängnis saß.

Interview von Nicole Meßmer
Südafrika
Denis Goldberg: Freiheitskämpfer aus Südafrika. -Foto: dpa [M]

Was verbinden Sie mit der Person Nelson Mandela?



Er ist eine prinzipienfeste Person. Er glaubt an Menschenwürde und an Gleichberechtigung. Er konnte streng sein, aber er konnte auch lachen, Witze machen und tanzen. Er hatte die Probleme der ganzen Welt auf den Schultern, aber er hatte immer Zeit für die Menschen. Für mich persönlich war er ein ausgezeichneter Führer der Freiheitsbewegung. Seine Führungsstärke rührte auch von seiner Fähigkeit zu begreifen, wann die Notwendigkeit neuer Strategien und neuer Formen des Widerstands bestand sowie die, neue Unterstützung für die eigene Sichtweise zu gewinnen.

Sie haben sich als junger Mann im Kampf gegen das Apartheidsregime engagiert. Was hat Sie als Weißen damals dazu gebracht?

Es war ein Kampf gegen den weißen Rassismus, nicht gegen die Weißen selbst. Das ist ein feiner Unterschied. Es musste Weiße in diesem Kampf geben und auch sie mussten mit ihrem Leben dafür einstehen. Ich war einer von vielen. Ich war Bauingenieur, ich habe eine technische Ausbildung gehabt – etwas, was meine schwarzen Genossen verwehrt war. Also konnte ich etwas zu dem Kampf beitragen.

Ich weiß nicht, ob es so einfach ist zu verstehen, warum man das macht. Wir waren keine Kämpfer, die Leute töten wollten, wir wollten ein System der Unterdrückung fertig machen. Es war ein System, das auf Macht, Kraft und Brutalität begründet war. Es musste beendet werden, damit Menschen ihre Menschenwürde bekommen konnten. Das war für uns wichtig. Ich persönlich wollte kein Unterdrücker werden.

Sie haben einmal in einem Radiointerview gesagt, "Schwarz zu sein und zu kämpfen bedeutet, viel Unterstützung zu bekommen und Teil einer Gemeinschaft zu sein. Weiß zu sein und zu kämpfen bedeutet, allein zu sein." Haben Sie Ihr Engagement jemals bereut?

Nein, ich bin stolz auf das, was wir gemacht haben und auf meine Rolle. Unser Freiheitskampf – der bewaffnete Kampf – hat viel länger gedauert als erwartet. Wir haben uns vorgenommen zu kämpfen, aber wir waren auch bereit, zu verhandeln. Wir haben gedacht, es würde ein paar Jahre dauern. Keiner hat damit gerechnet, dass daraus 30 werden würden, aber wir haben durchgehalten. Und darauf bin ich stolz.

Wie war das Leben in der Illegalität für Sie?

In der Illegalität zu leben ist einsam. Vor allem, wenn man von der Familie abgeschnitten ist. Ich war glücklich, dass ich eine starke Ehefrau gehabt habe - eine Frau, eine Mutter und eine Genossin. Aber man weiß, dass die Kinder ohne ihre Väter groß gezogen werden müssen. Wir haben oft unseren Ehefrauen nicht genug Ehre erwiesen für das, was sie durchgemacht haben. Sie haben eine wichtige Rolle im Freiheitskampf gespielt und die Familie zusammen gehalten.

Nelson Mandela beschreibt die Stimmung unter den Angeklagten im Rivonia-Prozess in seinem Buch „Der lange Weg zur Freiheit“ als den Umständen entsprechend gut. Er macht dafür nicht zuletzt Ihren Humor verantwortlich. Wie konnten Sie sich diesen erhalten?

Ich glaube, dass diese gemeinsame Erfahrung im Prozess uns zusammen geschweißt hat, das ist nicht zu vergessen. Vier von uns treffen sich noch immer. Das sind Nelson Mandela selbst, Ahmed Kathrada, Andrew Mlangeni und ich selbst. Wenn wir uns sehen, dann freuen wir uns. Es gibt irgendwas Besonderes zwischen uns: Wir haben dem Galgen gemeinsam ins Auge gesehen. Aber glücklicherweise hat der Richter uns nur zu vier Mal lebenslänglich verurteilt.

Was ist Ihnen von den 22 Jahren Ihrer Haft am meisten im Gedächtnis geblieben?

Es sind einsame Tage gewesen. Gefängnis ist eine emotionale Wüste. Nicht, dass es keine Freunde, Genossen und Mitgefangenen gäbe. Aber es fehlten die Frauen, die Kinder – die weichen Momente. Es sind 22 vergangene Jahre. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass es verschwendete Jahre waren. Ich bin als starker Mensch ins Gefängnis gekommen und ich habe als starker Mensch das Gefängnis verlassen. Das ist wertvoll.

Hatten Sie während Ihrer Zeit im Gefängnis Kontakt zu Ihren früheren Mitstreitern?

Nicht viel, weil ich natürlich in einem Gefängnis nur für weiße politische Gefangene war. Wir hatten Kontakt untereinander, aber nicht mit den Gefangenen auf Robben Island. Ab und zu bekamen wir eine Nachricht ‚Hallo wie geht’s?’ und konnten im Jahr darauf eine Antwort schicken. Aber mehr Kontakt hatten wir nicht.

Ist das nicht demotivierend?

Wir hatten beantragt, nach Robben Island verlegt zu werden. Aber natürlich wurde dieses Anliegen verweigert, denn die Politik wurde ja von Apartheidspolitikern gemacht. Trotzdem hat uns das nicht demotiviert. Die Kraft kommt von innen, von dem Bewusstsein, dass der Kampf weiter ging. Unsere Bewegung hat einen entscheidenden Schlag versetzt bekommen mit dem Rivonia-Prozess. Aber wir haben davon gehört, dass die Bewegung sich wieder aufgebaut hatte. Wir wussten, dass das Apartheidsregime schwächer wurde. Wir konnten das Ende des Systems sehen. Das hat uns gestärkt. Dass wir Weihnachts- und Grußkarten aus der ganzen Welt bekommen haben und dass uns unsere Familien unterstützt haben, hat uns Kraft gegeben.

Was haben Sie gedacht, wenn Sie von den Aktionen des bewaffneten Arms des ANC (Umkhonto we Sizwe, MK) gehört haben? Haben Sie gedacht, eigentlich müsste man jetzt auch dabei sein?

Man hat immer geträumt von heldenhaften Aktionen. Aber 16 Jahre lang waren bei uns keine Nachrichten zugelassen. Es gab keine Zeitung, kein Radio, keinen Fernseher. Ab und zu bekamen wir eine Zeitschrift in die Hände. Wenn wir gesehen haben, was Umkontho gemacht hat und was die Welt gegen die Apartheid getan hat – als etwa Boykotte und Sanktionen – das hat uns Mut gemacht und geholfen durchzuhalten.

Welche Rolle spielte Mandela in dieser Zeit für die Anti-Apartheids-Bewegung?

Als ich im Gefängnis war, habe ich immer das Gefühl gehabt, dass ich jeden Tag mit Helden zusammen war. Dass Nelson Mandela der ganz große Held geworden ist, war etwas, das ich erst später herausgefunden habe. Entscheidend war die Rede von Mandela vor Gericht, als er sagte, er habe das Ideal von einer Gesellschaft, wo Menschen zusammen in Frieden leben können. Es war ein Ideal, was er hoffentlich selbst noch würde erleben, sehen und erreichen können. Aber dass er bereit war, für dieses Ideal zu sterben, hat ihn zu einem Helden in der ganzen Welt gemacht. Nicht nur in Südafrika, sondern auf der ganzen Welt. Er ist in einem ländlichen Gebiet aufgewachsen. Erst im Gefängnis ist er zum Präsident herangewachsen – zusammen mit seinen Genossen natürlich, aber vor allem eben auch von Innen heraus.

Als das Apartheidsregime Anfang der 90er Jahre unterging, wurden alle Hoffnungen auf Mandela und den Aufbau der Regenbogen-Nation gerichtet. Wie beurteilen Sie den Erfolg heute, wo die Gewalt in Südafrika wieder zunimmt – auch zwischen Einheimischen und Zuwanderern? Ist Mandelas Erbe in Gefahr?

Nein, wir haben viel erreicht und müssen noch viel mehr erreichen, das ist richtig. Wir haben ein Fundament gelegt. Wir müssen darauf aufbauen und Fehler überwinden. So ist das im Leben. Wir sind ein junges Land. Vierzehn Jahre sind wie ein Wimpernschlag im Leben einer Nation.

Es stimmt schon, was mit unseren Ausländern passiert ist, ist eine Tragödie. Aber die Ursache dafür ist die Armut. Wir sind ein armes Land, aber unsere Grenzen stehen offen. Es gibt drei bis fünf Millionen Ausländer in Südafrika. Aber es ist ein weltweites Problem. Sind Europas Grenzen offen?

Bleiben wir in Südafrika: Wie beurteilen Sie Thabo Mbekis möglichen Nachfolger, Jacob Zuma? Immerhin wird ihm Korruption vorgeworfen...

Ich glaube, dass Jacob Zuma ein großartiger Präsident werden kann, der unsere Staatsbeamten und gewählten Amtsträger dazu bringen kann, unserem Volk die Dienste zu erweisen, die es so dringend braucht. Er hat den Ruf, mutig und bestimmt zu sein. Er ist ein kompetenter politischer Führer und verfügt über massive Unterstützung.

Er ist auf einem Parteitag in einem offenen und demokratischen Verfahren zum Vorsitzenden des ANC gewählt worden – von Delegierten, die auf einen Wechsel und neue politische Programme gewartet haben. Vor allem, wenn es um Armut, Erziehung und den gesalzenen Anstieg der Preise für Haushaltswaren geht, der die Armen insbesondere betrifft.

Die Korruptionsvorwürfe, die gegen ihn erhoben werden, sind ein ernsthaftes Problem, aber wir glauben fest an den Grundsatz, dass eine Person unschuldig ist, bis ein Gericht sie für schuldig befunden hat. Und selbst dann hängt es von der Schwere der Straftat ab, ob jemand davon abgehalten werden kann, ein hohes Amt zu bekleiden. Wie in anderen Ländern auch - Deutschland eingeschlossen - ist die Zahlung von Schmiergeldern bei Waffengeschäften weit verbreitet. Es würde mich nicht wundern, wenn die Angelegenheit wieder fallen gelassen würde. Dennoch: Das Verfahren geht weiter und für den Moment können wir nur feststellen, dass auch der Mächtigste sich, wie alle anderen auch, dem Recht stellen muss. Das ist mit Sicherheit eine gute Sache. Wir hoffen, dass wir Lehren daraus ziehen können.

Braucht Südafrika, braucht die Welt, mehr Leute, die etwas bewegen, wie Sie es damals getan haben?

Menschen wie Nelson Mandela und seine Freunde Oliver Tambo und Walter Sisulu sind selten. Wir müssen mit normalen Menschen zurecht kommen. Es sind nicht nur die Menschen, es sind auch die Zeiten, die schlimm sind. Die weltweite Wirtschaftskrise hilft auch nicht, die Armut zu überwinden. Dass wir keinen freien Zugang zu Märkten haben, ist ein anderer Punkt. Die Agrarsubventionen in Europa und den USA bereiten uns und ganz Afrika Probleme. Wir müssen Wege finden, das zu überwinden und ich glaube, wir können das. Wir brauchen ein bisschen Geduld und ein bisschen Toleranz.


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