Politik : Fremde Nachbarn

Die beiden neuen EU-Mitglieder Bulgarien und Rumänien verbindet nur eine einzige Donaubrücke

Thomas Roser[Vidin Bulgarien]

Merkwürdig matt schlackert ein halb aufgepumpter Seidenballon an einem Seil über verwitterten Betonfassaden im Wind. „Vidin in Europa“ künden blaue Lettern den Bewohnern des bulgarischen Donau-Städtchens vom neuen EU-Zeitalter. Das Leben werde besser werden, versichert am Donau-Kai der 18-jährige Ivan. Nein, auf der anderen Seite des Flusses sei er nie gewesen, räumt der Anglistik-Student auf die Frage nach seinen Erfahrungen mit den nächsten EU-Nachbarn etwas verwundert ein: „Ehrlich gesagt, ich mag die Rumänen nicht.“ Warum? Nachdenklich starrt er auf das Nordufer. „Vielleicht weil ich sie nicht kenne“, antwortet er zögernd.

Bulgarien und Rumänien sind am 1. Januar der EU beigetreten. Doch trotz kultureller und historischer Gemeinsamkeiten fühlen sich Bulgaren und Rumänen selbst kaum miteinander verbunden. Nicht nur das kyrillische und das lateinische Alphabet führen im Alltag zu Verständigungsproblemen. Die Donau, die beiden Ländern auf 470 Kilometern als Grenze dient, erweist sich als tiefer Graben: Nur eine Brücke überspannt den Fluss.

„Wir sind arm – und werden das bleiben“, sagt Bauarbeiter Ivailo, der mit seiner Familie am Donau-Ufer in Vidin entlangschlendert: „Die Rumänen waren und werden uns immer einen Schritt voraus sein.“ Mit 100 Euro im Monat könne keine Familie über die Runden kommen, „auch in Bulgarien nicht“. Hoffnungen auf bessere Zeiten im Nordwestzipfel des Landes macht er sich keine: „Die Preise werden steigen, sonst nichts.“ Den Berichten, dass nun der Plan einer neuen Donau-Brücke in Vidin an Fahrt gewinnt, mag er keinen Glauben schenken: „Über die Brücke schwafeln sie seit 10 Jahren. Und es ist immer noch kein Pfeiler zu sehen.“

Heruntergekommene Mietskasernen und Fabrikruinen säumen die Straße zum Fährbootterminal. Vidin hat bessere Zeiten erlebt. Im ärmsten EU-Land zählt die Region zu einem der am wenigsten entwickelten Gebiete. Seit der Wende 1990 ist die Einwohnerzahl von 75 000 auf 35 000 geschrumpft. Nun gondelt die Fähre ins rumänische Calafat nur noch unregelmäßig über die Donau. Er hoffe mit der EU auf mehr Arbeit und Verkehr, sagt der Grenzer Petjo Todorov im menschenleeren Hafen. Gefragt, ob er schon in Rumänien gewesen sei, streicht sich der Staatsdiener verlegen über den Schnurrbart: „Nein, ich bleibe lieber hier.“ Jahrelang stritten die beiden Nachbarstaaten über den Standort der neuen Brücke. Bulgarien wollte sie möglichst weit im Westen, Rumänien mehr im Osten. Auf Druck der EU stimmte Bukarest schließlich dem Wunsch der Bulgaren nach dem Bau einer Brücke in Vidin zu. Bulgarien soll 60, Rumänien 48 Millionen Euro der Kosten übernehmen. Der Löwenanteil wird von der EU getragen. Der Baubeginn ist für den Sommer geplant, 2010 soll die Brücke eröffnet werden.

Laut rumpeln die Sattelschlepper im bulgarischen Orjahovo auf die Fähre. In Bulgarien sei die Korruption „einfach schrecklich“, sagt ein Lkw-Fahrer aus Arad. „Jeder hält die Hand auf.“ Bei der Ankunft in Rumänien werden die Passagiere legal zur Kasse gebeten. Wie Bulgariens Grenzer knöpfen auch ihre Kollegen den Reisenden Gebühren für die Nutzung der Schlaglochpisten, die Reifendesinfektion und eine saftige Hafensteuer ab: Eine Person mit Pkw hat für die einfache Überfahrt insgesamt 39 Euro zu berappen. „Werden wir in der EU leben oder sterben?“, fragt der Grenzbeamte, während er verschmitzt lächelnd den abgestempelten Berg Quittungen aus der Schalterluke reicht. Im Gegensatz zu den Plattenbausiedlungen am Südufer prägen bunte Bauernhäuser, Pferdefuhrwerke, Gänse- und Schafherden das flache Flussgestade Rumäniens. Dennoch haben Nord- und Südufer etwas gemeinsam: das allgegenwärtige Gefühl, sich im Abseits zu befinden.

Die Dunkelheit hat sich am Flusskilometer 488 über das rumänische Giurgiu gesenkt – und erschwert die Suche nach der einzigen Grenzbrücke der Nachbarstaaten. Den früheren Namen „Freundschaftsbrücke“ trägt die 1954 eröffnete Stahlkonstruktion zu Recht nicht mehr. Denn wieder komplizieren Uniformträger den Grenzübertritt. Mehr als eine Stunde währt die zwei Kilometer kurze Brückenfahrt von Zahlstelle zu Zahlstelle. Zur Brückengebühr gesellen sich Brücken- und Ökosteuern, das kostenpflichtige Rumpeln durch einen Desinfektionstümpel sowie der Erwerb von Straßenvignetten. Erneut entschwinden fast 40 Euro hinter Schalterfenstern. Hoffentlich werde „die Räuberei“ in der EU bald ein Ende finden, stöhnt ein bulgarischer Geschäftsmann.

In der 180 000-Einwohner-Stadt Ruse auf der bulgarischen Seite machen sich die Festbesucher zum Rathaus auf, um den EU-Beitritt zu feiern. „Nicht mehr allein“ prangt auf den Bändern in den Nationalfarben, die sie am Revers tragen. Die Ansprachen lokaler Würdenträger gehen unbeachtet in verfrühten Böllerschüssen unter. Um Mitternacht erschallen Nationalhymne und Götterfunken. Sektkorken knallen. Zu Balkanweisen wogen die neuen EU-Bürger untergehakt im traditionellen Choro-Schritt über den Freiheitsplatz. Im Fernsehen hatte der Chef der Grenzbehörde eine raschere Abfertigung auf der Brücke gelobt. Doch Ruse muss die EU-Premiere ohne Gäste vom Nordufer feiern.

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