Politik : Freund oder Feind?

Die Bundeswehr könnte in Kundus in Konflikte verwickelt werden

Ulrike Scheffer

DER INTERNATIONALE EINSATZ IN AFGHANISTAN

Auf den ersten Blick scheint Kundus ein idealer Einsatzort für die Bundeswehr. Die USA haben hier bereits ein regionales Wiederaufbauteam aus Soldaten und Helfern eingerichtet, das die Deutschen ersetzen sollen. Die Strukturen stehen also. Mit rund 100 000 Einwohnern ist die Stadt 250 Kilometer nördlich von Kabul überschaubar, die Sicherheitslage gilt als stabil. Doch das könnte sich ändern: Am Wochende kündigten die Taliban an, ihren Widerstand gegen die neue Ordnung in Afghanistan auf den Norden des Landes auszudehen. Bisher hatten sich die „Gotteskrieger“ auf die südlichen Grenzgebiete zu Pakistan konzentriert. Sollte Deutschland tatsächlich beschließen, bis zu 300 Soldaten nach Kundus zu entsenden, wären sie ein potenzielles Angriffsziel.

Eine weitere Gefahr für die Bundeswehrsoldaten: Kundus gilt als Einflussgebiet des afghanischen Verteidigungsministers Mohammed Fahim. Der frühere Kommandeur der Nordallianz vertritt jedoch keineswegs die Interessen der afghanischen Regierung. Tatsächlich ist er der wohl gefährlichste Gegner von Präsident Hamid Karsai. In Kabinettssitzungen, berichten Beobachter, soll er Karsai schon einmal den Mund verbieten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wirft ihm vor, er lasse Kritiker foltern. Fahim stützt sich auf eine starke Privatarmee und versucht, den Aufbau einer nationalen Armee zu blockieren. Der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, forderte erst im Juli in einer Erklärung, das Verteidigungsministerium müsse reformiert werden. Beobachter warnen, dass Fahims Truppen auch für die Isaf-Schutztruppe in Kabul gefährlich werden könnten, wenn es zu einem offenen Konflikt zwischen dem Minister und Karsai kommen sollte.

In Nordafghanistan rivalisiert Fahim mit dem Herrscher über Masar-i-Scharif, Raschid Dostum. Die deutschen Soldaten könnten in ihre Auseinandersetzungen hineingezogen werden. Dostum indes hat sich mit dem Projekt „Aufbauteams“ arrangiert. In Masar-i-Scharif führt Großbritannien eine solche Gruppe. Dem SPD-Bundestagsabgeordneten Ulrich Kasparick, der im Juli den Norden bereiste, bestätigten Gesprächspartner, dass sich die Sicherheitslage durch die britische Präsenz verbessert habe. Die Briten beraten zudem die Verwaltung und helfen, ein Kommunikationssystem zu errichten. Offenbar mit Erfolg: „Dort herrscht Aufbruchstimmung“, sagte Kasparick dem Tagesspiegel.

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