Friedenskonferenz für Syrien : Schlimmer als Afghanistan

Friedenskonferenz - das klingt nach Hoffnung. Doch für die Lösung des Syrienkonflikts bräuchte es ein Wunder. Denn die Lage im Bürgerkriegsland ist aussichtslos. Daran trägt auch der Westen eine Mitschuld.

von
Die Opferseite: Bewohner eines Nachbarortes der Stadt Aleppo nach einem Bombenangriff regimetreuer Soldaten.
Die Opferseite: Bewohner eines Nachbarortes der Stadt Aleppo nach einem Bombenangriff regimetreuer Soldaten.Foto: Reuters

Sie hungern. Sie leiden. Sie fliehen. Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, pausenlos. Und sie sterben. Mehr als 130 000 Syrer sollen seit dem Beginn des Aufstands gegen Baschar al Assad vor fast drei Jahren ums Leben gekommen sein. Eine erschreckende, gleichwohl abstrakte Zahl. Denn sie kann Not und Elend der Menschen nicht einmal annähernd erfassen. Selbst erfahrene Kriegsreporter sind über die Brutalität der Kämpfe entsetzt. Und die Vereinten Nationen haben offenbar vor dem Grauen kapituliert: Die Weltorganisation versucht nicht einmal mehr, die Opfer zu zählen. Das klingt nach: Wozu die Mühe? Hat doch eh keinen Sinn.

Das mag zwar zynisch, ja geradezu herzlos wirken. Doch die Gegebenheiten lassen, realistisch betrachtet, kaum mehr zu als ernüchternden Pessimismus. Das gilt auch für die am Mittwoch beginnenden Friedensgespräche in Montreux und Genf. Am Ende wird es wohl bestenfalls heißen: Gut, dass wir mal geredet haben. Wer mehr erhofft, der verkennt, wie aussichtslos die Lage ist.

Und ignoriert geflissentlich, dass der Westen eine Mitschuld an Syriens Tragödie trägt. Die Staatengemeinschaft ließ den Machthaber in Damaskus einst gewähren, weil sie nicht in den Konflikt eingreifen wollte – sei es militärisch oder durch ein Exilangebot für Assad –, als noch Aussicht bestand, dem furchtbaren Treiben ein Ende zu bereiten. Der Westen gab sich später sogar damit zufrieden, dass die Chemiewaffen des Herrschers unschädlich gemacht werden und beließ es bei der bloßen Drohkulisse eines Angriffs. Wohlwissend, dass das Sterben weitergeht.

Genau aus diesen Gründen legt sich die Weltdiplomatie jetzt bei den Friedensverhandlungen derart ins Zeug. Denn das demonstrative Engagement dient in erster Linie dazu, den Bürgern, die die Schreckensnachrichten nicht kalt lassen, Tatkraft und Entschlossenheit zu suggerieren. Aber es ist der hilf-, weil ratlose Versuch, in Syrien etwas zum Besseren zu wenden. Vermutlich zu spät. Die Lage im Land ist schlimmer und verfahrener als in Afghanistan oder Somalia.

Auch aus anderen Gründen ist die Ausgangsbasis für die Genfer Gespräche denkbar schlecht. Syriens Opposition? Es gibt sie als Einheit nicht, sondern nur als zerstrittene, wenig Vertrauen erweckende Gruppierungen. Eine von ihnen wird in Genf mit am Tisch sitzen – ohne für alle sprechen zu können. Baschar al Assad wiederum denkt vermutlich nicht mal in seinen schlimmsten Albträumen daran, sich von seiner Präsidentschaft zu verabschieden. Warum auch? Er weiß um die eigene Stärke und die gegenwärtige Schwäche der Gegner. Zumal der Autokrat mit Russland und dem Iran mächtige Verbündete an seiner Seite hat.

Vor allem Teheran hält Assad immer noch die Treue. Insofern ist es widersinnig, dass das Mullah-Regime bei den direkten Verhandlungen außen vor bleiben soll. Schließlich spielen die dortigen Machthaber mit viel Geld, noch mehr Waffen und der Hisbollah-Miliz eine zentrale Rolle im Syrien-Konflikt. Gleiches gilt für die Dschihadisten aus aller Welt. Die Radikal-Islamisten haben allerdings keinerlei Interesse an Ruhe und Frieden. Ihnen ist vielmehr allein an der Errichtung eines Kalifats gelegen – ohne jede Rücksicht auf Verluste. Wie soll unter diesen Voraussetzungen ein Frieden gelingen, an dem sowieso nur die allerwenigsten mitarbeiten wollen?

Ohne ein Wunder wird es jedenfalls ein Ende der Kämpfe oder gar eine echte Lösung des verfahrenen Konflikts nicht geben. Es wäre daher schon ein Erfolg, wenn zumindest ein befristeter Waffenstillstand am Ende der Gespräche stünde. Weil eine Waffenruhe vor allem den Menschen in dem Bürgerkriegsland zugute käme. Und uns in Europa.

Millionen Syrer haben ihre Heimat verloren, irren durchs Land oder sind in den Nachbarländern aufgenommen worden. Gerade die Anrainerstaaten stöhnen unter der Last der Schutzsuchenden und werden vom Westen Unterstützung einfordern. Zum Beispiel, indem viel mehr Flüchtlinge als bisher aufgenommen werden. Auch in Deutschland.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

6 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben