Politik : „Für Amerika wird stets ein heller Morgen folgen“

Er sah Moskau als „Reich des Bösen“ und krempelte die US-Wirtschaft radikal um. Doch auch Gegner zollten ihm zuletzt Respekt

Robert von Rimscha

Am Anfang erntete er Kopfschütteln, gerade in Übersee. Ein Schauspieler? Ein Ex-Sportreporter? Präsident der USA? Filmplakate aus den 50er Jahren wurden herausgesucht und mit Anti-Nachrüstungs-Sprüchen versehen. Waren die Amerikaner verrückt geworden?

Aus der scheinbar bizarren Episode wurde eine Epoche, und die Welt lernte hinzu. Ronald Reagan war 1980 nicht nur deshalb mit 51 Prozent der Stimmen ins Weiße Haus gewählt worden, weil Vorgänger Jimmy Carter unglücklich amtierte. Amerika sollte genau das bekommen, was es wollte. Dies merkte die Welt spätestens, als Reagan sich 1984 mit einem Erdrutschsieg gegen Walter Mondale eine zweite Amtszeit sicherte. Das hatte es lange nicht mehr gegeben.

Seine ersten beiden Jahre verliefen wirtschaftlich turbulent. Die Arbeitslosigkeit schoss auf knapp zehn Prozent, die Schulden wuchsen ins Unermessliche. Der Verteidigungshaushalt legte Prozentpunkt um Prozentpunkt am Budget zu. In Amerika gab es viel Geld, es musste verteuert werden, die Zinsen wuchsen. Die Börse erlebte den schwärzesten Tag seit der Großen Depression. All dies war Teil eines rabiaten Strukturanpassungsprogrammes, mit dem Reagan im Schulterschluss  mit Freundin Maggie Thatcher durchsetzte, was sein Nachfolger, George Bush Senior, später „Voodoo-Economics“ nannte: Die „trickle-down“-Wirtschaft, die These vom Heruntertröpfeln des Wohlstandes von den Reichen zu den Ärmeren. Zunächst verschärfte Reagans Neoliberalismus innere Spannungen. Doch im dritten Amtsjahr begann ein Boom, der den Amerikanern sieben Jahre lang das Gefühl von Stabilität vermittelte.

Ist man Ronald Reagan wohlgesonnen, kann man ihn als den Sieger im Kalten Krieg sehen. Mit der Nachrüstung als brisantestem Einzelschritt rüstete er die Sowjetunion zu Tode. Er stand für das, wogegen eine Generation junger Deutscher in Mutlangen und mit Menschenketten protestierte. Als Reagan Mitte der 80er Jahre am Brandenburger Tor rief: „Öffnen Sie dieses Tor, reißen Sie diese Mauer ein, Herr Gorbatschow!“ da ahnte niemand, dass die Wirklichkeit bald die Worte eingeholt haben würde. Vision oder Einfalt? Bei Reagan war beides nie weit voneinander entfernt. Er war jedoch kein harter Ideologe der Rechten. So war er konservativ, aber im Geldausgeben spendabler als viele Linke. In der Sowjetunion sah er das „Reich des Bösen“. Die Ostküsten-Eliten und die Intellektuellen verachteten ihn, doch als er sich in den Ruhestand nach Kalifornien verabschiedete, bescheinigten ihm zwei Drittel seiner Landsleute, ein guter Präsident gewesen zu sein. Heute ist der Flughafen von Washington nach ihm benannt.

Längst vergessen sind präsidiale Peinlichkeiten, vom Auftritt mit Kohl in Bitburg bei den Gräbern auch von SS-Getreuen über verpatzte Reden und vertauschte Notizzettel, die Reagan mehr als einmal so aussehen ließen, als habe er keine Ahnung, wo und was er war. Er war der „große Kommunikator“ im Sinne des großen Vereinfachers. Man nannte ihn den Teflon-Präsidenten, weil Kritik nie haften blieb. Ein Diplomat war er nicht, der hätte die Sprechprobe beim Radio 1984 nicht dazu verwandt, die Bombardierung der Sowjetunion in fünf Minuten anzukündigen.

Reagan, am 6. Februar 1911 geboren, in der Jugend Mitglied der Demokratischen Partei, weil er Roosevelts „New Deal“ unterstützte, wuchs im Mittelwesten auf. Die Mutter war streng religiös, der Vater Handwerker und Alkoholiker. Im Widerstreit zwischen den Vorgaben beider entwickelte er seine Vorliebe für Autonomie. 1932 schloss er mit einem Bachelor in Soziologie und Wirtschaft am christlichen Eureka-College in Illinois ab, doch 1937 zog er nach Hollywood.

In über 50 Filmen spielte er nur einmal den Schurken. Aus der ersten Ehe mit Jane Wyman gingen Tochter Maureen und die erste politische Kampagne hervor. 1946 bestreikten kommunistische Gewerkschaften die Filmindustrie. Reagan wollte vermitteln und bekam stapelweise Morddrohungen. Aus dem Demokraten wurde ein konservativer Republikaner und überzeugter Anti-Kommunist, der als FBI-Informant arbeitete und 1947 vor dem „Ausschuss für unamerikanische Umtriebe“ aussagte.1952 heiratete er seine Schauspielerkollegin Nancy, es folgten die Kinder Patti und Ronald, der Sohn sagte später über seinen Vater: „Wir haben nie ein ernsthaftes Gespräch gehabt“.

Anfang der 60er Jahre hatte der spätere 40. US-Präsident seine Rolle gefunden: Gegner des gesellschaftlichen Aufbruchs, Vertreter des älteren, besseren Amerikas. Von 1966 bis 1974 war er Gouverneur Kaliforniens. Als ein Reporter ihn fragte, was für ein Landesvater er werden wolle, antwortete er: „Ich weiß es nicht. Gouverneur habe ich noch nie gespielt.“ Als er 1980 ins Weiße Haus einzog, war Reagan der älteste Präsident, der je das Amt angetreten hatte. „Amerika vom Gift des Selbstzweifels retten und von der Orientierungslosigkeit befreien“ war sein Motto. Die amerikanische Besonderheit, dass der konservativste Landesteil fest in Händen der Demokraten war, wurde durch Reagan beendet. Er eroberte, was erst Clinton teilweise zurückgewinnen konnte: den Süden.

Reagan setzte erst die Nachrüstung durch, dann plante er den Doppelschlag: Abrüsten und Schutz aus dem All. Sein SDI-Projekt, Krieg der Sterne genannt, der Plan einer weltraumgestützten Raketenabwehr, war bezeichnend für ihn: Man wusste nie genau, ob er phantasierte, oder ob ihm etwas genial einfaches eingefallen war. Im November 1983 sahen über hundert Millionen Amerikaner den Film „The Day After“ über die Folgen eines Nuklearkrieges. Die „Freeze“-Bewegung war auf ihrem Höhepunkt. Reagans Tochter Patti unterstützte den Aufruf gegen die Politik ihres Vaters. Der Sowjet-Staatschef Andropow verglich Reagan mit Hitler. Doch dann, im Oktober 1986 in Island und schließlich in Genf, einigte sich der Totrüster mit dem neuen sowjetischen Staatschef, Gorbatschow, auf die weitgehende Verschrottung der Interkontinentalraketen. Aus Reagan dem Rüster war Reagan der Friedensbringer geworden.

In die Außenpolitik fiel auch die größte Affäre seiner Amtszeit. Kaum war Reagan im Amt, entließ Iran geschundene US-Bürger aus gut einjähriger Geiselhaft in der US-Botschaft in Teheran. Jimmy Carter war über Teheran und eine missglückte Befreiungsaktion gestolpert. Reagan erntete nun die Früchte einer Geheimdiplomatie. Erst Jahre später wurde bekannt, dass die Mullahs Waffen erhalten hatten. „Wir haben keine Geiseln gegen Waffen getauscht“, sagte Reagan. Den Gewinn aus den Rüstungslieferungen leiteten Mitarbeiter an die Contras in Nicaragua, die dort die marxistische Regierung der Sandinisten bekämpften. „Iran-Contra“ hieß die Affäre. Eine Clique im Weißen Haus hatte gegen das Gesetz verstoßen: Der Kongress hatte jede Hilfe für die Contras untersagt. Es gab ein paar Urteile, Reagan gab sich uneingeweiht, sein Vize George Bush kam mit einem blauen Auge davon.

Reagans Amerika erlebte eine Zeit des Fiebers, fast des Wahns. Mit dem immateriellen Teil seiner Hinterlassenschaft, darunter Zweifeln an der These, dass  Amerika tatsächlich das größte Projekt der Menschheitsgeschichte sei, hadern die Amerikaner noch heute.

Er selbst durchlebte persönliche Prüfungen. Im März 1981 schoss ihn der 25-jährige John Hinckley nieder. Der Präsident überlebte das Attentat, wie auch später eine Krebsoperation. Nachdem er längst aus dem politischen Leben ausgeschieden war, meldete er sich ein letztes Mal mit einem bewegenden Brief an die Bürger zurück: Der Alt-Präsident litt an Alzheimer. „Ich beginne nun die Reise in die Abenddämmerung meines Lebens. Für Amerika wird stets ein heller Morgen folgen“, schrieb er.

Ronald Reagan hat eine Epoche geprägt. Seine Regentschaft war ein Kulminationspunkt. Im Kern haben die US-Bürger gemerkt, dass hier einer nicht den Präsidenten mimt, sondern nur sich selbst spielt. So gewann er bei denen, die ihn mögen, auch weniger Bewunderung denn Zuneigung – und von vielen Gegnern Respekt. Amerika wird ihn nicht vergessen, weil man ein Jahrzehnt nicht vergessen kann. Am 5. Juni ist Ronald Reagan 93-jährig in Kalifornien gestorben.

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