Politik : Für "neue Normalität" im Verhältnis von Juden und Nicht-Juden

Hermann Rudolph

Hans-Jochen Vogel ist bekannt für seine Genauigkeit. Also korrigierte er sich gleich selbst: dass der eine Bruder Vogel als Laudator des anderen fungiere, geschehe nicht alle Tage, präzise gesagt: es "geschieht heute zum erstenmal". Seit einem halben Jahrhundert beleben die beiden prominenten Brüder, der frühere SPD-Vorsitzende und der heutige thüringische Ministerpräsidenten die deutsche Politik, in unterschiedlichen Parteien - und sind neben allen anderem auch noch für Kuriositäten gut wie die, dass der eine, Hans-Jochen, Bürgermeister von München und Berlin war, während der andere, Bernhard, Regierungschef in zwei verschiedenen Ländern wurde. Doch es brauchte schon die Verleihung des Leo-Baeck-Preises an Hans-Jochen Vogel am Dienstag in Berlin, um sie zu einem Doppelauftritt zu verleiten. Aus einer brüderlichen Gemeinsamkeit heraus: das Miteinander von Juden und Nicht-Juden in Deutschland liegt ihnen, so bekannten beide, in besonderer Weise am Herzen.

Der 47. Preisträger der höchsten Auszeichnung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland erhielt den Preis auch für seine Arbeit als Gründungsmitglied des 1993 gegründeten Vereins "Gegen Vergessen - Für Demokratie". Der Verein war eine Antwort auf die rechtsextremistischen Exzesse Anfang der 90er Jahre. Die Organisation, die mittlerweile bundesweit aktiv ist, wirkt auch der Verdrängung der Vergangenheit von Drittem Reich und DDR entgegen. Doch der Preis ehrt natürlich das gesamte politische Leben Vogels. Baeck, so erinnerte Paul Spiegel, habe den Grund für den deutschen Fall in die Diktatur darin gesehen, dass die "Tugend der Rechtschaffenheit" zu gering ausgebildet gewesen sei. Er habe seine Hoffnung darauf gerichtet, "dass die Zahl der Rechtschaffenen wächst". Zu diesen Rechtschaffenen gehört, so sagte es der Präsident des Zentralrats der Juden, "ganz gewiss" ein Mann wie Vogel.

Vogel über Vogel: eine warmherzige Laudatio des jüngeren Bruders, die entschiedene Dankesrede des Älteren, dazwischen eine kurze, fast angedeutete brüderliche Umarmung. Bernhard Vogels war auf ein Baeck-Wort gestimmt: Die Hoffnung nach der nationalsozialistischen Katastrophe liege allein im menschlichen Gewissen, "das sich zum Bewusstsein einer Gesamtverantwortung erweitern muss". Das Bewusstsein solcher Gewissenspflicht habe im Mittelpunkt der politischen Arbeit seines Bruders gestanden. Der dankte bewegt und engagiert. Und sah Anlass zu Sorge und Hoffnung: Sorge wegen rechsextremer Aufmärsche und "antisemitischer Parolen, die im wissenschaftlichen oder künstlerischen Gewande daher kommen", Hoffnung auf Grund des Wiederauflebens jüdischen Lebens im Nachkriegsdeutschland. Die Hoffnung müsse weitergeführt, der Sorge widerstanden werden - damit eine "neue Normalität" im deutsch-jüdischen Verhältnis Platz greife. Und akkurat in den Formulierungen und den Hoffnungen, wie Vogel ist: Vielleicht werde eines Tages "aus dem Zentralrat der Juden in Deutschland der Zentralrat der deutschen Juden". Es würde ihn freuen, sagte der 75-Jährige, das noch erleben zu können.

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