G-20-Gipfel : Proteste in Toronto eskalieren

Nach friedlichen Protesten zum G-20-Gipfel hat es doch noch Krawalle gegeben. Ein massives Sicherheitsaufgebot ist gegen die Randalierer vorgegangen. Mehr als 400 Personen wurden festgenommen.

In Toronto treffen sich die Regierungschefs der G-20-Staaten. Aber auch die Protestbewegung formiert sich.Weitere Bilder anzeigen
Foto: AFP
27.06.2010 09:31In Toronto treffen sich die Regierungschefs der G-20-Staaten. Aber auch die Protestbewegung formiert sich.

Am Ende kommt es doch zu Gewalt: Ein paar Dutzend Militante brechen vom Protestzug los, werfen Scheiben ein, stecken Polizeiautos in Brand und bringen damit die sonst völlig friedliche Demonstration in Misskredit. Es ist der Auftakt einer langen Nacht der Krawalle von Randalierern, die immer wieder im Finanzviertel der kanadischen Wirtschaftsmetropole Toronto zuschlagen, wo die Staats- und Regierungschefs der 20 großen Volkswirtschaften (G 20) über Wege aus der Weltwirtschaftskrise beraten. Die Polizei geht mit Tränengas und Knüppel gegen Demonstranten vor.

Die ersten Polizeiwagen brennen in der Bay Street, unmittelbar nach der friedlichen Demonstration. Schwarzer Rauch steigt zwischen den Hochhäusern auf. Drei Dutzend Polizisten in voller Schutzmontur, mit Gasmasken, Helmen, Schildern und Knüppeln blockieren die Straße. Der martialische Auftritt soll abschreckend wirken. Anspannung und Nervosität hängen in der Luft. „Wir sind doch nur friedlich!“, beschwört ein langhaariger Demonstrant, wirft sich vor der gerüsteten Staatsgewalt auf die Knie, reckt die Arme in die Höhe und legt sich der Länge nach auf den Boden: „Frieden!“

Von hinten pusten ein paar schwarz Vermummte in ihre Tröten, schreien die Polizisten von weitem an. Immer mehr Schaulustige wollen das Feuer sehen. Eine Gruppe versprengter Demonstranten stimmt in Sprechchöre ein: „Lasst Frieden regnen!“ Einem Polizisten wird das zu bunt. Er schiebt sich durch die dichte Polizistenreihe, hebt drohend seine Tränengaspistole, brüllt die Menge an: „Verzieht euch!“ Nichts passiert, eine Eskalation bleibt zumindest hier noch aus. Die Feuerwehr löscht die Polizeiautos, die in Toronto auf dem Kotflügel den Leitspruch „Dienen und Schützen“ tragen.

Der ursprüngliche Protestzug hat sich längst im Queens-Park aufgelöst, wo das Parlament der Provinz Ontario steht. Countrymusik unterhält die Demonstranten. Es herrscht Volksfeststimmung, obwohl ihnen nicht nach Feiern ist. Ihnen geht es um die Ungerechtigkeiten in der Welt: „Indien ist keine Demokratie“, „Befreit Kaschmir“ oder „Beseitigt die Diktatur in Äthiopien“. Umweltschützer warnen, dass wir nur die eine Erde haben: „Es gibt keinen Planeten B“. Gruben- und Stahlarbeiter beklagen „den Ausverkauf“ kanadischer Unternehmen an ausländische Konzerne, die Löhne senken und Pensionen stehlen.

Alle sind empört, dass die Gipfel umgerechnet fast eine Milliarde Euro kosten. „So viel Geld für 20 Leute ausgeben, wo wir es hier so nötig hätten“, sagt ein 42-jähriger Zimmermann. „Die Leute verlieren ihre Arbeit, hier sterben Obdachlose auf der Straße, werden soziale Programme gekürzt.“ Er ist von der Demokratie desillusioniert. „Die Regierenden sollten für die Menschen sprechen und aufhören, ihnen zu sagen, was sie tun sollen.“ Politiker seien ohnehin „nur Schauspieler“, sagt der Zimmermann. „Die großen Kapitalisten, die Banker und Industriellen, sagen denen doch, was sie tun sollen.“

Zwei Stunden später geht wieder ein Polizeiwagen in Flammen auf. Andere werden demoliert. Randalierer hinterlassen einen Aufkleber: „Die sind reich und wir sind arm.“ Die Geduld der Polizei ist erschöpft. Der Queenspark wird am Abend gewaltsam geräumt. Empört kritisiert Polizeichef William Blair die „absichtlich provozierte gewaltsame Konfrontation“. Es kommt zu Zwischenfällen auch in der Nacht. Bürgermeister David Miller zeigt sich höchst „verärgert“.

Der teure Sicherheitsaufwand erscheint plötzlich gerechtfertigt. Doch immer lauter wird die Frage gestellt, warum Ministerpräsident Stephen Harper die G-20-Führer ausgerechnet mitten in Kanadas größter Stadt tagen lassen musste - die G-8-Mächtigen hatten schließlich auch zwei Tage im weit abgelegenen Ausflugsgebiet von Muskoka verbracht. Von Andreas Landwehr, dpa

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