Politik : Ganz von gestern und ganz aktuell (Leitartikel)

Gerd Appenzeller

Es ist das altmodischste Fest, das wir kennen, und dabei haben die Menschen sich alle Mühe gegeben, es von seinem eigentlichen Anlass zu trennen. Aber selbst da, wo ihnen das wirklich durchgreifend gelungen ist, wo sie die Erinnerung daran weitgehend ausgemerzt haben, was das Fundament dieses Festes ist - die Freude über die Geburt Christi - gelang es den Menschen nicht, Weihnachten den letzten Schimmer des Geheimnisses zu rauben. Und noch hinter dem unlustigsten Weihnachtsmann, der zu schriller Schlagermusik die entnervten Eltern kleiner Kinder zum Kaufen irgendwelchen völlig überflüssigen Schnickschnacks zu animieren sucht, ist ein winziges Stück der Faszination dieser Zeit und der sie bestimmenden Botschaft zu spüren. Und das packt uns, egal, ob wir an sie nun glauben oder nicht. Es scheint eben doch mehr als die schiere Sentimentalität zu sein, die da selbst sich hartgesotten gebende Gemüter überrumpelt.

Wir ahnen: Weihnachten kommt einem Urbedürfnis nach Wärme und Verheißung entgegen. Johannes Rau, der Bundespräsident, benennt als das Geheimnis dieser Weihnachtsbotschaft die Gewissheit, dass sie Licht in die Welt bringt. Das hat etwas mit Hoffnung und Zuversicht zu tun, und das sind Gefühle, die offensichtlich den Kommunismus und den Kapitalismus und den Konsumterror überlebt haben.

In der Abgeschiedenheit stiller Alpentäler mit Dorfgemeinschaften, geprägt von ungebrochener christlicher Tradition, könnte das nicht weiter aufmerken lassen. Aber ausgerechnet in Berlin? Das überrascht. Die grosse Stadt ist kein sonderlich fruchtbarer Boden für das Gedeihen erhabener Gefühle. Sie scheint sie eher abzustoßen wie die zwei Pole eines Magneten, die keine Kraft der Welt zusammen bringen kann. Wo selbst die Idee, den Religionsunterricht in der Schule zu einem Wahlpflichtfach zu machen, das also niemand belegen muss, zu erbitterten fundamentalistischen Debatten über die Trennung von Staat und Kirche führt, sollte man vielleicht wirklich lieber von Jahresendgefühlen sprechen als vom Christuskind. Es ist schon merkwürdig, wie hier, die alten Systemgrenzen übergreifend, ganz offensichtlich die unausgesprochene Vorstellung Raum gewonnen hat, die Befassung mit Kirche und Christentum und dessen Wertekatalog würde uns in vordemokratische Zustände zurück werfen und sei deshalb von Amts wegen zu unterbinden. Dass die Kämpfer für einen möglichst kirchenfreien öffentlichen Raum gerade in Berlin ihre Kinder immer schon gerne (und auch heute noch) auf christliche Schulen schickten, macht das Ganze eher rätselhafter als verständlicher.

Wir stehen am Ende eines Jahres, in dem das Recht, auch am Sonntag einkaufen zu dürfen, verbissen wie ein letzter Akt der bürgerlichen Emanzipation von staatlicher Bevormundung eingeklagt worden war. Letztlich haben sich aber ganz unspektakulär jene durchgesetzt, die daran erinnerten, dass man in einer demokratischen Gesellschaft seinen eigenen Freiraum nicht zu Lasten anderer ausweiten darf. Sie meinten auch, dass wir, bei aller Rationalität, der Momente des In-sich-Ruhens und der Gemeinschaft mit Freunden bedürfen.

Das kann man nun je nach eigenem Standpunkt Solidarität nennen oder Mitmenschlichkeit, Rücksicht oder Anteilnahme. Immer meint es jedoch, dass wir die Menschen neben uns nicht aus den Augen verlieren dürfen. Ob das nun eine christliche oder humanistische Botschaft ist, mag auch wieder jeder für sich entscheiden. Dass sie in die Weihnachtszeit, diese altmodische Zeit, passt, wird aber niemand bestreiten wollen.

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