Gasstreit : Unfreiwillige "Holzferien" in Bulgarien

Den 6. Januar begehen die Bulgaren mit einem seltsamen Ritual: In Stadt und Land springen junge Männer einem von einem Popen in eiskalte Gewässer geworfenen Kreuz hinterher. In diesem Jahr wurde das orthodoxe Zeremoniell von einem nie da gewesenen Ereignis medial in den Schatten gestellt.

Frank Stier[Sofia]

Der Gashahn für die Transitlieferungen für Bulgarien an der ukrainisch-rumänischen Grenze wurde am Dienstagmorgen um 3 Uhr 25 zugedreht.  „Es ist nicht recht, Bulgarien zur Geisel eines solchen Konflikts zu machen“, kritisierte Ministerpräsident Sergej Stanischev den ohne Vorwarnung verhängten Lieferstopp. Bulgarien sei nun ausschließlich auf seine Gasreserven angewiesen und müsse seinen Verbrauch um zwei Drittel senken, gab Stanischev nach der Sitzung seines Krisenstabs bekannt. „Wir werden unser Möglichstes tun, damit die Menschen unter den Auswirkungen der Krise nicht zu leiden haben“, beteuerte Stanischev. Doch der Ernst der Lage wurde schnell spürbar. Ans nationale Fernwärmenetz angeschlossene Heizkörper in den Plattenbauwohnungen wärmen kaum noch, aus den Duschen kommt lauwarmes Wasser, viele Schüler genießen sogenannte „Holzferien“, und mehrere Fabriken haben ihren Betrieb bereits eingestellt. Energieminister Petar Dimitrov wertete das Versiegen des Gasstroms als „schweren Schlag für die nationale Volkswirtschaft“. Der Chef der Arbeitgeberverbände, Evgeni Ivanov, bezifferte die täglichen Verluste für die bulgarischen Unternehmen auf 250 Millionen Euro.

Die Opposition warnt schon lange davor, Bulgarien könne aufgrund seiner Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu „Russlands Trojanischem Pferd in der EU“ werden, und plädiert für die Verwirklichung der von der EU favorisierten Gaspipeline „Nabucco“ zum Kaspischen Meer. Angesichts des drohenden Energiekollapses fordert Staatspräsident Parvanov nun die Wiederinbetriebnahme der auf EU-Druck abgeschalteten Reaktorblöcke Drei und Vier des Atomkraftwerks Kosloduj. „Davon kann im Moment keine Rede sein“, wies EU-Sprecher Ferran Tarradellas das Ansinnen des Präsidenten kalt zurück.

» Mehr Politik? Tagesspiegel lesen + 50 % sparen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben