Gauck vereidigt : Worte, die auf Taten folgen

Fünf Tage lagen zwischen Wahl und Vereidigung des neuen Bundespräsidenten. Tage, in denen Joachim Gauck noch einmal stummer Gast sein konnte. Seit Freitagmorgen ist das vorbei.

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Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
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23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Als Schluss ist, steht im Foyer des Bundestags ein grauhaariger Mann im hellbraunen Sakko und grinst. Um seinen Hals liegt ein roter Schal, der ist das Markenzeichen des ewigen Rebellen Hans-Christian Ströbele, einem der grünen Urgesteine. Gerade wurden ihm für sein frühes Lebenswerk allerhöchste Würden zuteil. Von keinem geringeren als dem Bundespräsidenten. In dessen erster großer Rede im höchsten Staatsamt durfte Ströbele erfahren, dass er in seiner Jugend als 68er nicht weniger als ein Wegbereiter für das „deutsche Demokratiewunder“ war, in dem seither Millionen Deutsche in Freiheit und Wohlstand leben dürfen. Mehr noch: Die Ströbeles dieser Welt, so in etwa hatte es Joachim Gauck gesagt, sie hätten „die historische Schuld“ der Deutschen im Zweiten Weltkrieg ins kollektive Bewusstsein gerückt und damit ein Beispiel gesetzt.

Nun ist Hans-Christian Ströbele wahrlich keiner, der solch ausführliche Huldigung aus dem Munde des Staatsoberhaupts nicht gern hören würde. Und doch will das Öl nicht so recht runterlaufen an diesem Freitagmorgen in seiner Kehle. Irgendwas stört ihn an der Lobpreisung – vielleicht der pastorale Ton, in dem sie vorgetragen wurde, vielleicht auch das Pathos. Hinter Ströbele wird im Plenum in diesem Moment ein Antrag der Linksfraktion zur Notwendigkeit beraten, Millionären höhere Steuern abzuknöpfen, um mit dem Geld Schulen besser auszustatten. „So viel zu den Wundern der Demokratie“, zischt Ströbele noch zwischen den Zähnen hervor, dann verschwindet er.

Dr. h.c. Joachim Gauck wird da bereits in einer schwarzen Limousine vor dem Schloss Bellevue vorfahren und auf einem roten Teppich zu den Klängen der Nationalhymne die Ehrenformation der Bundeswehr abschreiten. Vor vier Wochen haben alle Parteien des Bundestags, bis auf die Linken, Joachim Gauck zu ihrem Kandidaten erklärt. Vergangenen Sonntag wurde der Nominierte dann mit übergroßer Mehrheit der Bundesversammlung zum elften deutschen Bundespräsidenten gewählt. An diesem Freitag hat er schließlich im Bundestag feierlich die rechte Hand erhoben und aus der Urschrift des Grundgesetzes die offizielle Formel zur Vereidigung verlesen. Vier ehemalige Präsidenten nebst Gattinnen, das ganze Kabinett und beinahe alle Ministerpräsidenten waren eigens dazu angereist. „So wahr mir Gott helfe“, hat Gauck feierlich gelobt. Nun ist er auch ganz offiziell das, was er schon 2010 werden wollte: Oberhaupt der Deutschen. Der Erste unter allen.

Der letzte Bundespräsident musste schmachvoll abtreten. Bilder von den Protesten, die den Zapfenstreich begleiteten.

Großer Zapfenstreich für Christian Wulff
Die Wulff-Gegner stören die Zeremonie mit der "Wulffuzela", wie die Tröte spöttisch umbenannt wurde.Weitere Bilder anzeigen
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08.03.2012 23:02Die Wulff-Gegner stören die Zeremonie mit der "Wulffuzela", wie die Tröte spöttisch umbenannt wurde.

Um etwas über das Verhältnis der Deutschen zu ihrem neuen Präsidenten zu erfahren, musste man nicht erst die eingefallenen Wangen und die hängenden Schultern seines Vorgängers Christian Wulff an diesem Freitagmorgen sehen. Dessen wenig kritische Nähe zu befreundeten Unternehmern, die ausfluchtverdächtigen Auskünfte dazu und letztlich Untersuchungen der Staatsanwaltschaft haben ihn Mitte Februar zum Rücktritt gezwungen. Seither ist Wulff so etwas wie die Personifizierung der Verachtung des Volkes für die Politiker. Ein Gefallener. Und ganz gleich, wer ihm nachfolgt: Die Menschen erwarten, dass der neue Präsident dem Amt die Würde zurückbringt, von der sie glauben, dass Wulff sie ihm genommen hat.

Schon am Dienstag waren in Leipzig tausende Menschen ins Stadtzentrum gekommen, um den Mann zu sehen, der das jetzt schaffen soll. Die Sachsen wollten an diesem Tag den 800. Geburtstag ihres weltberühmten Thomanerchors feiern. Doch dann gab es noch Wichtigeres: Joachim Gauck, ihren frisch gewählten Präsidenten. In dichten Reihen standen die Menschen vor der Kirche Spalier, sie winkten, sie drückten seine Hände und applaudierten minutenlang, obwohl Gauck noch nicht mehr als drei Worte gesagt hatte: „Guten Morgen, Leipzig.“

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