Politik : Geben statt nehmen

Das einst arme China ist mittlerweile eines der größten Helferländer

Harald Maass[Peking]

China, das mehr als 25 Jahre Lebensmittelhilfen von den Vereinten Nationen erhielt, ist 2005 zum drittgrößten Geberland für Nahrungsmittelhilfen aufgestiegen. Die Volksrepublik habe im vergangenen Jahr 576 000 Tonnen Getreide an ausländische Staaten verschenkt, teilte das Welternährungsprogramm (WFP) der UN jetzt mit. Ein Großteil der chinesischen Hilfe ging an das Regime in Nordkorea. Erst im April 2005 hatte das Frachtschiff „Blue Dream“ die letzten 43 450 Tonnen Getreide der Vereinten Nationen im südchinesischen Hafen Shiwan bei Shenzhen entladen. Das WFP hatte 1979 – die Kulturrevolution war gerade vorbei und die Chinesen waren noch bettelarm – mit den Hilfslieferungen in die Volksrepublik begonnen. In den folgenden Jahrzehnten erhielten rund 30 Millionen Chinesen Lebensmittelrationen aus dem Ausland.

Mittlerweile ist China jedoch reich genug, um selbst andere arme Länder zu unterstützen. Außer nach Nordkorea habe Peking im vergangenen Jahr Getreide und Nahrungsmittelspenden nach Liberia, Guinea Bissau, Sri Lanka sowie in ein Dutzend anderer Staaten verschickt, berichtete das WFP unter Angabe von UN-Statistiken.

Insgesamt stiegen 2005 die weltweiten Lebensmittelhilfen um zehn Prozent auf rund neun Millionen Tonnen, wie das WFP weiter mitteilt. „Leider reicht das immer noch nicht aus, um die einfachsten Bedürfnisse von Millionen von Personen zu decken“, betonte WFP-Direktor James T. Morris. Größtes Geberland waren den Angaben zufolge die USA, die mehr als vier Millionen Tonnen Lebensmittel verschenkten, gefolgt von der Europäischen Union mit 623 000 Tonnen. Die wichtigsten Empfänger der Hilfslieferungen waren Äthiopien und Nordkorea, die jeweils rund eine Million Tonnen an Unterstützungen erhielten, sowie die afrikanischen Staaten Sudan, Uganda und Eritrea.

Hinter Chinas neuer Rolle als Gebernation dürften nicht nur humanitäre Gründe, sondern auch politisches Kalkül stecken. Für Pekings Führer, die immer mehr als Großmacht auf der Weltbühne agieren, sind die Hilfslieferungen eine politische Währung im Umgang mit anderen Staaten. China ist der wichtigste Verbündete von Nordkorea. Peking unterstützt Pjöngjangs Regime seit Jahrzehnten mit großzügigen Lebensmittel- und Energielieferungen – allerdings wurde diese Hilfe in der Vergangenheit meist heimlich geleistet. Seit China keine Hilfslieferungen mehr vom WFP erhält, kann Peking offen als Gebernation auftreten.

Leisten kann sich das Land diese Hilfe allemal. Im ersten Halbjahr wuchs die Wirtschaft um knapp elf Prozent. Regierungsangaben zufolge sind seit 1979 mehr als 300 Millionen Chinesen der Armut entkommen. Nur noch rund 26 Millionen Menschen leben unter dem von der Regierung festgesetzten Existenzminimum. Allerdings muss das Land mit seinen Getreidevorräten haushalten: China stellt ein Fünftel der Erdbevölkerung, verfügt jedoch nur über ein Siebtel der Weltackerfläche. Weil Chinesen immer besser und vor allem mehr Fleisch essen, steigt der Verbrauch rapide. Chinesische Wissenschaftler experimentieren mit neuen Anbaumethoden und gentechnisch veränderten Reissorten, um die Ernteerträge zu verbessern.

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