Politik : Gebeutelt und gestraft - wie der Krieg den Nachbarländern zu schaffen macht

ULRICH GLAUBER

WIEN .Hart beutelt der Jugoslawien-Krieg auch dessen Nachbarländer, die ohnehin großenteils im Armenhaus Europas Quartier beziehen.Während sich die wirtschaftlichen Schäden noch nicht beziffern lassen, melden Experten bereits Zweifel an den Erfolgsaussichten des geplanten "Marshall-Plans" zur Konsolidierung der Balkan-Region an.

Manche nehmen nicht Einzelheiten, sondern eher Erdteile wahr.So schrecken vor allem US-Amerikaner und Japaner wegen der Nato-Bombardements vor einem Urlaub in der tschechischen Hauptstadt Prag zurück, die vom Krisengebiet etwa so weit entfernt liegt wie von Basel."Den Krieg auf dem Balkan spüren wir jeden Tag mehr.Die Zahl der Stornierungen war noch nie so hoch wie jetzt", klagt Jan Strnad von der Direktion des Prager Hotels Ibis.Auch Griechen, Italiener und Spanier scheuen laut Aussagen des Reisebüro-Agenten Petr Cech wegen der Dauereinsätze der Nato-Jets das Risiko einer Flugreise nach Tschechien.

Einbußen im Städtetourismus erwarten die Tourismus-Manager erst recht in Wien, wo laut Schriftsteller Karl Kraus "der Balkan an der Wohnzimmerwand" beginnt.Doch während solch regionale Branchenprobleme für Österreich "peanuts" sind, bedeutet ein Ausbleiben von Gästen anderswo ernste Probleme für die Volkswirtschaft.Gerade begann sich Kroatien, das auf die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr an seiner langen Adriaküste angewiesen ist, von den Auswirkungen des Bosnien-Schocks zu erholen.Nun lassen Hundertausende Kündigungen gebuchter Betten vor allem durch große Reiseunternehmen für diese Saison wieder nichts Gutes erwarten.

Bei zunehmender Vernetzung im europaweiten Handel zieht die Zerstörung der meisten Brücken in Jugoslawien entlang der gesamten Donau Kreise.Der Wiener Hafendirektor Walter Edlinger geht davon aus, daß nach der Blockade des 2400 Kilometer langen Wasserweges die Frachtkosten für Massengut wie Kohle, Eisenerz, Stahl, Zement und Getreide auf Ausweichrouten über Land auf das Dreifache gestiegen sind."Das Jahr 1999 ist für uns gelaufen", heißt es beim größten österreichischen Frachtschiff-Unternehmen DDSG Cargo.

Die Teuerung trifft vor allem Ungarn, das ohnehin seine früher in die Sowjetunion gelieferten Agrarprodukte nun auch beim Ersatzabnehmer Jugoslawien nicht mehr los wird.Kohle und Eisenerz für die ungarische Industrie wurden bisher fast ausschließlich auf dem Wasserweg geliefert.Sämtliche Donau-Frachter haben zudem hohe Kosten zu tragen, weil ihre Schiffe im Ausland festliegen.So büßt die bulgarische Staatsreederei täglich 30 000 Deutsche Mark ein, weil 14 ihrer Frachtkähne im ungarischen Mohacs und elf Schiffe in der slowakischen Hauptstadt Bratislava vertäut werden mußten.

Die ärmsten Länder der Region haben unter den Folgen des Krieges am meisten zu leiden.Auf knapp 1,5 Milliarden Mark schätzt Rumäniens Außenminister Adrian Plesu die finanziellen Lasten, die sein ohnehin schwaches Land bis zum Jahresende tragen muß.Noch übler ist Bulgarien dran.Kaum begannen die lange verzögerten Wirtschaftsreformen zu greifen, wurden durch den Krieg die direkten Transportstrecken ins kaufkräftige Westeuropa unterbrochen.Die Hyper-Preissteigerungen verwandelten sich inzwischen in Deflation.Das bedeutet schlicht: Selbst Lebensmittel werden billiger, weil die Bevölkerung sich die Dinge des täglichen Bedarfs kaum noch leisten kann.

Völlig chaotisch ist die ökonomische Situation angesichts der Flüchtlingsmassen in Mazedonien und Albanien geworden.Neben den politischen und gesellschaftlichen Strukturen gerate in diesen beiden Ländern auch die Wirtschaft unter enormen Druck, stellte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem jüngsten Bericht fest."Die Kosten für die Staaten der Region sind hoch.Aber die indirekten Folgen können viel schlimmer sein, weil der unerwartete Schock von außen Volkswirtschaften trifft, die ohnehin schwere und in mancher Hinsicht nicht zu bewältigende Probleme haben", resümiert das auf die ehemals kommunistischen Länder Europas spezialisierte Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) eine Studie zu den "Kosten der Kosovo-Krise".

Solidarisch haben sich Länder wie Rumänien und Bulgarien dennoch Schritten wie dem Ölembargo gegen Jugoslawien angeschlossen."Die Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien rücken uns immer näher.Unserer Wirtschaft nützt nur langfristige Stabilität auf dem Balkan", begründete die bulgarische Außenministerin Nadeschda Mihailova bei einem Besuch in Wien diese unbequeme Politik in einem Land, wo laut Umfragen 77 Prozent der Bevölkerung gegen die Luftangriffe sind.Rumäniens Premier Radu Vasile sieht die Entwicklung auch als Chance für eine Region, die sich lange an den Rand westlichen Interesses gedrängt fühlte: "Wir wollen nicht passive Hilfsempfänger sein.Aber nach dem Krieg muß vom Westen die Entwicklung der ganzen Region angekurbelt werden."

Das Zaubermittel der EU, die von Gesamtkosten von 60 Milliarden Mark ausgeht, heißt Wiederaufbauprogramm für den Balkan.Doch der Plan - häufig mit dem "Marshallplan" zur wirtschaftlichen Belebung Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg verglichen - wird von Wirtschaftsexperten skeptisch beurteilt."Bisher hat noch niemand gesagt, was genau kommen soll", meint WIIW-Wissenschaftler Peter Havlik."Außerdem geht es nicht nur um Wiederaufbau, sondern auch um Qualifikation von Arbeitskraft und Ausbau demokratischer Strukturen.Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu Westeuropa nach dem Krieg." US-Kollege Robert J.Samuelson pflichtet bei: "Daß Geld allein nicht reicht, zeigen schon die riesigen Summen, die nach Afrika, Asien und Lateinamerika geflossen sind - mit mäßigem Erfolg."

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