Gedenkkultur und Rassismus : Wir dürfen Auschwitz nicht den Neurechten überlassen

Rechtsradikale grölen antisemitische Parolen und im Bundestag sitzen wieder Rechtspopulisten, während die Holocaust-Zeitzeugen immer weniger werden. Das hat Folgen für das deutsche und europäische Selbstverständnis. Ein Essay.

Christoph Heubner
Auschwitz gehört zur völkischen Weltsicht des Hasses von Rechtsextremen gegenüber Andersdenkenden, Fremden und Flüchtlingen.
Auschwitz gehört zur völkischen Weltsicht des Hasses von Rechtsextremen gegenüber Andersdenkenden, Fremden und Flüchtlingen.Foto: AFP/ Joe Klamar

Von 2,6 Millionen antisemitischen Tweets im vergangenen Jahr berichtete der britische „Guardian“ am 12. Oktober 2017. Kaum ein Fußballnachmittag vergeht in europäischen Stadien, ohne dass sich in die Beschimpfungsrituale, die auf die gegnerischen Fans niederprasseln, nicht auch antisemitische Töne einschleichen. „Die U-Bahn soll nach Auschwitz fahren“, grölen Fußball-Hooligans oder politisch und menschlich Enthemmte, die im rechtspopulistischen und rechtsextremen Milieu ihre Stimmen ölen, bevor es irgendwann richtig zur Sache gehen wird.

Sie haben Auschwitz gegenüber keine Berührungsängste, ihre Kenntnisse sind grobschlächtig: Das Szenario von Auschwitz gehört zu ihrer völkischen Weltsicht des Hasses gegenüber Andersdenkenden, Fremden und Flüchtlingen. Beifall und Unterstützung für diese permanente Brutalisierung des öffentlichen Raumes liefern rechtsextreme Strategen und ihre Parteifreunde, die immer wieder den totalen Kurswechsel der Erinnerungspolitik in Deutschland fordern. Begleitet und unterstützt werden sie von anderen Politikern, die alle sehr gut wissen, wie man die Sau bei anderen herauslässt und in scheinbar gemäßigterem Ton dagegen wettern, dass Deutschen immer noch die zwölf Nazi-Jahre vorgehalten werden. Die 89-jährige österreichische Auschwitz-Überlebende Gertrude will bis heute ihren Nachnamen nicht in der Presse lesen. Sie war es, die angesichts der lauter werdenden rechtsextremen Tonlage bei der letztjährigen Bundespräsidentschaftswahl in Österreich diese europaweite Strategie der Rechtspopulisten in einem weltweit beachteten Video vom heimischen Wohnzimmertisch aus rückblickend auf ihre Kindheitserinnerungen entlarvt hat: „ immer nur das Niedrigste aus den Leuten herausholen, nicht das Anständige. Das macht mir Angst.“

Mit Bitterkeit und Empörung muss man feststellen, dass die europäische Politik unter dem verbalen Trommelfeuer der Rechtspopulisten allzu willfährig nach rechts rückt, dass in der politischen Debatte zunehmend mehr jene Klientel umworben und thematisiert wird, die sich auf dem Weg in die völlige Ablehnung des demokratischen Systems befindet und darüber hinaus mittlerweile der Presse jede lügnerische Manipulation zutraut. Wo ist die Mehrheit jener in der Wahrnehmung durch die Politik und bei der Beschreibung der Wirklichkeit geblieben, die auch heute noch tagtäglich in selbstverständlicher christlicher Nächstenliebe und offener, realistischer Weltsicht dieses Land prägen und gestalten?

„Angst ist ein schlechter Ratgeber“ - auch dieses Sprichwort, geboren aus Erfahrung, sollte man sich in der gegenwärtigen Situation der Verunsicherung immer wieder vor Augen führen und dennoch daran erinnern, dass jeder Mensch angesichts gesellschaftlicher Veränderungen und Krisen das Recht auf seine Angst hat. Problematisch und inakzeptabel wird es dann, wenn die Angst sich in Hass verwandelt und voller Aggression nach draußen drängt. Auf diese Entwicklung Einfluss zu nehmen, hier den Rechtspopulisten und Agitatoren nicht das Feld zu überlassen - das ist die Erwartung, die man nach den Erfahrungen der letzten Monate an Politik und Presse formulieren muss: Selten ist demokratisches Selbstbewusstsein bei unseren Politikern so schnell dahingeschmolzen, selten so unter Wert verschleudert worden, wie in manchen Talkrunden im Fernsehen, in denen immer wieder eine Welt beschworen wurde, die allen Verantwortlichen längst aus den Fingern geglitten ist.

Nur noch jeder vierte Schüler in Deutschland kann etwas mit dem Begriff Auschwitz anfangen

Was offensichtlich fehlt, ist eine Erinnerung daran, woher Europa kommt und was Europa ausmacht. Und noch offensichtlicher fehlen die Erzählung davon und die Übernahme der Erinnerung, zu der auch Auschwitz als einer der Ausgangspunkte gehört. Bereits am 27. Januar 2004 hat die französisch-jüdische Auschwitz-Überlebende und erste Präsidentin des Europa-Parlaments Simone Veil vor dem Deutschen Bundestag aus Anlass des Gedenkens an die Befreiung von Auschwitz gesprochen. Bewegt schilderte sie diese Geschichte Europas, seines Zerbrechens und seines Neubeginns im Blick auf ihre - in der Begegnung mit Deutschen mörderische - Biografie: „Mit dem Nationalsozialismus hatte ganz Europa am Boden gelegen. Nur gemeinsam, indem man sich gegenseitig stützte, würde man wiedererstehen können. Dabei gab man sich weder einer beschwichtigenden Naivität hin, noch sollte Deutschland von seiner Verantwortung freigesprochen werden. Es ging hier nicht um Verzeihen, sondern um eine hellsichtige und mutige Versöhnung, die ebenso utopisch wie realistisch und umso notwendiger war, als sie aus der tiefsten Verzweiflung erwachsen musste.“ Und an anderer Stelle kommt Simone Veil in diesem Kontext ihrer Rede zu dem Ergebnis: „Europa war es sich schuldig, ein Vorbild für Demokratie und die Achtung der Menschenrechte zu sein.“ Simone Veil ist am 30. Juni 2017 in Paris 90-jährig gestorben. Bei ihrer Beerdigungsfeier kündigte der französische Präsident Emmanuel Macron an, dass die große Französin und Europäerin gemeinsam mit ihrem Mann ihre letzte Ruhestätte im Panthéon, der nationalen Ruhmeshalle Frankreichs, finden wird.

„Wenn die Generation, die Auschwitz noch erlebt hat, ausgestorben ist, wie viele Menschen werden dann die tiefere Raison d'être der EU noch verstehen und erst recht verteidigen“, fragte vor wenigen Tagen die „NZZ“. Was bedeutet in diesem Zusammenhang die Nachricht, dass laut einer vor Kurzem publizierten Forsa-Umfrage offensichtlich nur noch jeder vierte deutsche Schüler mit dem Begriff Auschwitz etwas verbinden kann? Es gehört zu den großen Verdiensten der Auschwitz-Überlebenden, dass sie nach ihren entsetzlichen Erlebnissen, nach der Ermordung ihrer Familienangehörigen nicht im Hass und im Schweigen erstarrt sind, sondern mit jungen Deutschen sprechen und sie an ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Sie haben versucht zu erklären, dass Auschwitz nicht in Auschwitz begann, sondern überall dort, wo jüdische Menschen, Sinti und Roma und Andersdenkende in jenen Jahren ausgestoßen und für vogelfrei erklärt wurden. Und sie haben immer wieder darauf verwiesen, dass die Demokratie Demokraten braucht, die sie schätzen, gestalten und zu schützen bereit sind.

Was verliert unsere Gesellschaft, wenn das Wissen um Auschwitz aus dem Blick gerät und nur noch als brüllende Metapher und Drohung in der Ideologie der extremen Rechten auftaucht? Die Antwort scheint eine Binsenweisheit: So lange sich vielerorts Gedankenlose, Rechtspopulisten und Rechtsextreme das Wort Auschwitz höhnisch und gewaltbereit auf der Zunge zergehen lassen; so lange hat jeder Bildungspolitiker und Geschichtsdidaktiker die Pflicht, darüber nachzudenken, wie, wann und wo das Wissen um die Ursachen und die Geschehnisse von Auschwitz ergänzt werden sollte. Denn der Umgang mit Geschichte erzählt vor allem etwas über uns selber, über unser Erinnerungsvermögen und unsere Fähigkeit zur Empathie anderen Dingen und anderen Menschen gegenüber. „Ihr müsst die Republik verteidigen“, das war der Kernsatz eines jeden Gesprächs, das die ungarisch-jüdische Auschwitz-Überlebende Erszebet Szemes mit deutschen Jugendlichen führte.

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