Gefahr eines begrenzten Atomwaffeneinsatzes in Asien : USA warnen vor Krieg mit Nordkorea

Kim Jong-uns Fortschritte in der Raketentechnik führen zu Strategiewechsel in Amerika, Japan und Südkorea. Dieser begann unter Obama. Trump setzt ihn fort. Eine Analyse.

Nordkorea zwingt die USA und China zum Krisenmanagement: Die Außenminister Rex Tillerson (links) und Wang Yi.
Nordkorea zwingt die USA und China zum Krisenmanagement: Die Außenminister Rex Tillerson (links) und Wang Yi.Foto: Mark Schiefelbein / AFP

Die USA und ihre asiatischen Verbündeten bereiten sich auf das Risiko eines Kriegs mit Nordkorea in der Amtszeit von Präsident Donald Trump vor. Im Verlauf einer solchen Konfrontation könne es zu einem begrenzten Einsatz von Atomwaffen kommen. Davor warnten Experten für das Regime von Kim Jong-un beim diesjährigen Brussels Forum des German Marshall Fund (GMF).

McCain: Nordkorea ist die größte unmittelbare Bedrohung

Der republikanische Senator John McCain sagte: „Nordkoreas Bemühungen, Atomsprengköpfe zu entwickeln, die sie per Rakete in die USA schießen können, ist die wohl unmittelbarste Bedrohung, vor der wir stehen. Der Aufbau des Raketenabwehrsystems THAAD in Südkorea ist deshalb ein guter Schritt.“

Die Kombination aus zwei technischen Fortschritten, die Nordkorea in jüngster Zeit erzielt habe, machten die Entwicklung so gefährlich, erläuterten Experten wie Wendy Sherman, die unter Barack Obama Staatssekretärin im State Department war. Das Regime entwickle Raketen mit immer größerer Reichweite. Und seine Atomsprengköpfe würden immer kleiner; es sei nur eine Frage der Zeit, wann sie von den neuen Raketen transportiert werden können. Dadurch entstehe ein neuer Handlungsdruck für die USA und ihre Verbündeten. Immer mehr dicht besiedelte Großräume rückten in die Reichweite nordkoreanischer Waffensysteme. In den USA sei heute San Francisco bedroht. Bald komme Los Angeles hinzu.

Japan kündigt robuste Verteidigung an

Die Notwendigkeit eines Strategiewechsels gegenüber Nordkorea betonen auch die wichtigsten US-Verbündeten in der Region. Der japanische Nato-Botschafter Masafumi Ishii sagte, Japan müsse eine „robustere Verteidigung“ aufbauen. Für sein Land gehe es dabei „nicht um Angriffskapazitäten“, sondern um die Defensive. „Wir müssen stärker werden, damit die Abschreckung funktioniert. Wir verstehen sehr gut, was Südkorea tut“, kommentierte Ishii den Aufbau des Raketensystems dort. „Auch in Japan müssen wir darüber nachdenken.“

Der Schlüssel für mehr Druck auf Nordkorea liege in China, betonte Senator McCain. „China kann Nordkorea in die Schranken weisen. Es ist eine große Enttäuschung, dass China dort noch keine Disziplin erzwungen hat, zumal sich das Risiko einer ernsten Konfrontation aufbaut.“ Die koreanische Halbinsel ist seit dem Koreakrieg 1953 geteilt in einem armen kommunistischen Norden, dessen Überleben von China geschützt wird, und dem prosperierenden Südkorea mit der Schutzmacht USA.

USA drängen auf neuen Strategieansatz

Die USA, China und andere Mächte in der Region hätten in den letzten zwei Jahrzehnten verschiedene Strategien erprobt, um Nordkorea zu beeinflussen, beschrieb Ex-Staatssekretärin Sherman die Erfahrungen. Es habe Sanktionen gegeben, es habe Angebote zur Kooperation gegeben samt der Lieferung von Lebensmitteln und Energie. Südkorea habe auf die so genannte „Sunshine“-Politik der gegenseitigen Öffnung nach dem Muster der deutsch-deutschen Annäherung  gesetzt. Und man habe versucht, die Atomwaffen- und Raketenprogramme durch Sabotage und Cyberangriffe zu stoppen. Das habe gelegentlich zu Erfolgen geführt, aber keiner sei von Dauer gewesen. „Wir haben alles versucht, aber immer nur einzeln“, sagte Sherman in Brüssel. „Was wir noch nicht versucht haben, ist alles auf einmal zur selben Zeit.“

Diese neue Strategie ist bereits unter Obama entwickelt worden. Obama hat sie Trump in dem denkwürdigen 90-minütigen Gespräch erläutert, als er ihn drei Tage nach dem Wahlsieg im November im Weißen Haus empfing. Viele Aspekte der US-Außenpolitik haben ihre besondere Bedeutung in diesem neuen Konzept, zum Beispiel auch der Atomdeal mit dem Iran. Er soll dazu beitragen, dass die Sanktionen lückenlos funktionieren und Nordkorea keine technische Unterstützung für seine Atom- und Raketenprogramme erhält.

"Kim muss wählen zwischen Atomwaffen und Überleben"

Im Kern geht es darum, die Kalkulation des Regimes von Kim Jong-un zu ändern. Der ist laut Sherman zu dem Schluss gekommen: Wir brauchen weit reichende Atomwaffen, die auch die USA bedrohen, um zu überleben. Der Sturz von Diktatoren, denen diese Art der Überlebensversicherung fehlte wie der Serbe Slobodan Milosevic oder der Libyer Muamar Gaddafi, sei für ihn ein abschreckendes Beispiel.  „Wir müssen ihm klar machen, dass er wählen muss. Was ist ihm wichtiger: die Atomwaffen oder das Überleben seines Regimes?“ Diese Zuspitzung sei riskant und mit Kriegsgefahr verbunden. Aber wenn ein rücksichtsloses Regime wie das nordkoreanische erst einmal westliche Großräume angreifen könne, „geht es ebenso um unser Überleben“.

Auch Europa rücke in die Reichweite nordkoreanischer Raketen. Und auch die EU spiele eine entscheidende Rolle bei der Durchsetzung der Sanktionen und der Erhöhung des Drucks auf Kim Jong-un. Eine Option sei, Nordkorea vom Swift-System des internationalen Zahlungsaustauschs auszuschließen.

Der Schlüssel zur Lösung liegt in China

In mehreren Ländern ändere sich das Denken unter dem Eindruck der nordkoreanischen Fortschritte in der Waffentechnik, erklärten die Experten auf dem Brussels Forum. Südkorea habe bisher das größte Risiko in einem chaotischen Kollaps Nordkoreas gesehen. Heute gelten die neuen Waffen Nordkoreas als größere Gefahr. Vertreter Chinas redeten in privaten Gesprächen inzwischen anders als vor laufenden Kameras, berichtete Sherman. Japans Nato-Botschafter Ishii sagte, der Westen sei dabei, Peking zu überzeugen, „dass es ihnen mehr schadet, Nordkorea weiter zu schützen, als eine Änderung der Lage zuzulassen.“ China brauche freilich belastbare Zusicherungen, wie die Lage nach einem Regimewechsel in Nordkorea aussehen könnte.

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