Politik : Gefasst, verhört und dann laufen lassen

Ein US-Bürger unter Terrorverdacht floh vor den Behörden – in den Irak

Frank Jansen

Der Anschlag gilt als einer der schwersten in der amerikanischen Geschichte, und es gibt eine deutliche Spur, die in den Irak führt. Doch was wie ein Beweis für Verbindungen Saddam Husseins zum islamistischen Terror klingt, spielt seltsamerweise in den amerikanischen Anklagen keine Rolle. Die Rede ist vom ersten Terrorangriff auf das World Trade Center, verübt 1993 von einer Gruppe fanatischer Islamisten.

Am 26. Februar explodierte in der Tiefgarage der Zwillingstürme ein mit mehreren hundert Kilogramm voll gepackter Minibus. Sechs Menschen starben, mehr als 1000 wurden verletzt. Einer der Hauptverdächtigen, der aus einer irakischen Familie stammende US-Bürger Abdul Rahman Yasin, floh kurz darauf in den Irak. 1995 ging er nach Afghanistan, nach dem 11. September kehrte er in den Irak zurück. Yasin steht auch auf der Liste der 22 „most wanted terrorists“, die das FBI weltweit sucht. Auf den Flüchtigen ist ein Kopfgeld von 25 Millionen Dollar ausgesetzt. Doch US-Außenminister Colin Powell hat in der letzten Woche bei seinem Auftritt im UN-Sicherheitsrat weder Yasin noch den Anschlag von 1993 erwähnt. Warum?

Die Antwort könnte nach Ansicht von Sicherheitsexperten für die US-Behörden eine Blamage werden, die die Glaubwürdigkeit der Terrorvorwürfe gegen den Irak beeinträchtigt. Das FBI hat Abdul Rahman Yasin wenige Tage nach dem Anschlag intensiv vernommen – aber trotz Tatverdachts wieder laufen gelassen. Yasin hatte vom Umgang mit Nitroglycerin eine auffällige Wunde am rechten Oberschenkel, außerdem plauderte er Details über Tat und Täter aus. Doch dann nutzte Yasin seine Chance. Am 5. März 1993 nahm er einen Flug in die jordanische Hauptstadt Amman und reiste weiter in den Irak.

Im Juni 2002 spürte der amerikanische Fernsehsender CBS den 42-Jährigen auf. Die irakischen Behörden halten den an Epilepsie leidenden Yasin unter ständiger Bewachung, erlaubten aber das Interview. Zusammen mit den Attentätern Ramzi Yousef und Mohammed Salameh habe er das World Trade Center ausgespäht, sagte Yasin. Die Gruppe habe das WTC als Ziel ausgesucht, „denn die Mehrheit der dort arbeitenden Leute sind Juden“. Was damals geschah, tue ihm Leid.

Das US-Verteidigungsministerium rechnet die Attentäter von 1993 Al Qaida zu. Vier Komplizen Yasins wurden in New York zu je 240 Jahren Haft verurteilt. Offizielle Stellungnahmen zu der FBI-Panne, Yasin entkommen zu lassen, gibt es nicht. Außerdem bleibt unklar, warum die USA nicht auf das im letzten Sommer von CBS ausgestrahlte Angebot des irakischen Vizepremiers Tarik Aziz eingingen, Yasin auszuliefern. Deutsche Sicherheitskreise äußern sich zu dem Fall nur knapp, trotz der harten US-Kritik am Kurs der Bundesregierung in der Irak-Krise: „Wir kommentieren lieber nichts.“

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