Politik : Geht das – deutsch und doch schön?

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Von Sven Goldmann

Nur 13 Prozent der Deutschen erwarten, dass ihre Nationalmannschaft bei der WM in Japan und Südkorea das Halbfinale erreicht. Das ist ein Erdrutsch für ein Land, dessen Bevölkerung sich seit 1954 über die Erfolge seiner Fußballspieler definiert. Damals fand Sensations-Weltmeister Deutschland seinen Platz in der Nachkriegswelt. Das Wunder von Bern war den folgenden Generationen Motivation und Verpflichtung. Seit 1966 haben die deutschen Fußballer nur dreimal die Runde der besten vier verpasst. Und nun denken nur noch wenige ans Halbfinale. Glauben die Deutschen nicht mehr an sich? Sosehr sie sich über das leicht-schöne Spiel gegen Saudi-Arabien freuen: nein.

Rudi Völler passt diese Stimmung gut ins Konzept. Der Teamchef der Nationalmannschaft hat eine Ausgangsposition, wie sie noch keiner seiner Vorgänger hatte. Er steht nicht unter Erfolgsdruck. Erstmals seit 1954 sind die Deutschen kein Mitfavorit mehr bei der WM. Es muss nicht einmal vorbeugend nach Entschuldigungen gesucht werden. Die liegen ohnehin auf der Hand: Die Mannschaft steckt im Umbruch für die WM 2006 im eigenen Land, einige der besten Spieler sind nicht dabei, und nach dem Debakel bei der Europameisterschaft vor zwei Jahren liegen die Erwartungen so niedrig, dass schon ein Sieg in der Qualifikationsrunde über das Fußball-Schwellenland Ukraine als rauschendes Fest gefeiert wurde. Nein, von dieser Nationalmannschaft erwartet niemand viel. Sie darf sogar scheitern.

Die Mannschaft von der Europameisterschaft 2000 ist auch nicht deswegen öffentlich vorgeführt worden, weil sie in der Vorrunde gescheitert ist, sondern wegen der Art dieses Scheiterns. Damals kam alles zusammen: die erbärmlichen Leistungen auf dem Platz; die dilettantische Suche nach einem neuen Bundestrainer, obwohl der alte noch im Amt war; die in „Bild“ fotografisch dokumentierte Nacht der vollen Flaschen nach dem demütigenden 0:3 gegen Portugal. Diese Mannschaft präsentierte das Bild, wie es keine Nation von sich sehen will: selbstgefällig, faul, frei von Kreativität und Inspiration. Arrogante Geldscheffler, allen Idealen abgewandt. Die Deutschen haben ihrer Nationalmannschaft diesen Auftritt nicht verziehen.

All das hat Völler den Einstieg erleichtert. Das Volk mag den Teamchef, weil er für alte Erfolge steht, auch in Italien und Frankreich geliebt wird und doch nie die Bindung zur Heimat aufgegeben hat. Sein Sympathiebonus ist so groß, dass seine Position auch nicht infrage gestellt wurde, als er drauf und dran war, die WM-Qualifikation zu verspielen.

Die Deutschen werden Völlers Mannschaft in Fernost viel verzeihen, sofern sie sich sympathisch repräsentiert sehen. So, wie sie selbst gerne sein würden. Ein gewisses Maß an Ästhetik. Zwei, drei schöne Spielzüge. Alles, nur kein Rückgriff auf Tendenzen, mit denen die Deutschen 1954 in der Schweiz Weltmeister wurden. Heute hört es kein Deutscher mehr gern, wenn diese Tugenden typisch deutsch genannt werden. Damals hat sich die junge Bundesrepublik grätschend und Rasen pflügend den Weg aus der Isolation erarbeitet. Die Deutschen von 1954 wollten Respekt, die von 2002 wollen Zuneigung. Gestern haben sie dafür schon mal acht Gründe geliefert.

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