Politik : Geiseldrama auf Jolo: Werner Wallert muss nicht sofort zur Schule

Reimar Pau

An die Glastür des Theodor-Heuss-Gymnasiums haben Schüler am Montagmorgen schon vor Unterrichtsbeginn ein selbst gemaltes Plakat gehängt: "Endlich - Werner Wallert frei". Daneben klebt die Sonderausgabe des Göttinger Tageblatts vom Vortag, mit dem die Lokalzeitung über die Freilassung des Lehrers informiert hatte. In der Eingangshalle steht eine Stellwand mit weiteren Zeitungsausschnitten und einer Kopie des letzten Briefes von Werner Wallert an die Schüler und Lehrer. Darin schildert der 57-Jährige, der an dem Gymnasium Erdkunde und Englisch unterrichtet, ausführlich die beschwerlichen Verhältnisse im Geisellager. Und er schreibt: "Der Wert der Freiheit ist erst zu verstehen, wenn man sie vermissen muss".

"Alle hier an der Schule sind froh über die Freilassung", sagt die Schulleiterin Ulrike Koller den Journalisten. Nun müsse auch Marc Wallert bald freikommen. Die Brief- und Faxaktion der Schule für die noch auf der Philippinen-Insel Jolo Festgehaltenen werde fortgesetzt, kündigt Koller an. Schüler und Lehrer hatten sich in den vergangenen Wochen immer wieder schriftlich an die Regierung in Manila gewandt und für eine friedliche Lösung des Geiseldramas eingesetzt.

Wann Werner Wallert wieder zum Dienst antritt, ist völlig unklar. Zuerst, sagt die Schulleiterin, müsse sich der Kollege gründlich untersuchen und gegebenenfalls auch medizinisch behandeln lassen. Die Gesundheit habe "selbstverständlich Vorrang" vor allen Dienst- und Stundenplänen, das sei auch mit den Schulbehörden abgesprochen.

"Erleichterung, einfach nur Erleichterung nach dem ganzen Auf und Ab" hat Schülervertreterin Mareike Lankeit verspürt, als sie von der Freilassung ihres Lehrers hörte. Schülerinnen und Schüler des Theodor-Heuss-Gymnasiums äußerten sich am Montag erstmals seit Beginn der Entführung vor der Presse. "Herr Wallert war immer ein besonders netter Lehrer", findet Henno Martin aus dem 9. Jahrgang. Zur Begrüßung haben die Klassen noch nichts Konkretes geplant, "wir wollen ihn ja nicht gleich überrollen".

Auch die evangelische Stephanus-Kirchengemeinde möchte die Rückkehr ihres aktiven Mitglieds Werner Wallert zunächst nicht groß feiern. Wenn auch Marc Wallert eingetroffen sei, werde sich die Familie "sicher erst einmal gemeinsam zurückziehen wollen", glaubt Superintendent Martin Ammon. Erst danach könne man erwägen, mit einem Gottesdienst oder einem Gemeindefest "das hoffentlich glückliche Ende" zu feiern. Bis auf weiteres gehen die täglichen Andachten in der Kirche weiter, bei denen an jedem Abend eines Werktags an die hundert Menschen für die Verschleppten beten.

Wenige hundert Meter entfernt von der Kirche langweilen sich Kameraleute und Fotografen unterdessen vor dem Haus der Wallerts. Dutzende Male und aus allen Winkeln haben sie das Gebäude schon aufgenommen. Geht Werner Wallert nach seiner Rückkehr überhaupt nach Hause? Das erscheint ungewiss. Renate Wallert jedenfalls, die am 17. Juli freigelassen worden war, will vorerst nicht nach Göttingen kommen. Sie halte sich weiter versteckt, weil sie noch nicht wieder mit Menschen sprechen könne, erklärte sie am Montag in einem Interview.

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