Geiselnahme im Jemen : Chrobog, Osthoff und das bekannte Risiko

Wer sich in Gefahr begibt und dieses Risiko kennt, der muss natürlich auch mit diesem Risiko leben. Das sagte Ex- Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog über Susanne Osthoff, die im Irak entführt wurde. Nun ist Chrobog selbst in der Hand von Geiselnehmern.

Berlin - Im Jemen - auch kein ungefährliches Land - setzte Chrobog sich und seine Familie mit einer Urlaubsreise nun selbst einem Risiko aus, das er kannte. Wenige Tage nach seiner Kritik im Bayerischen Rundfunk an der Erwartung Reisender an den Staat, dass dieser eine «Rundumversicherung» bietet, wurde er selbst entführt.

Auch für den 65-Jährigen wurde der Krisenapparat der Bundesregierung angeworfen, der ihm und seiner Familie helfen soll, aus der Notlage wieder herauszukommen. Wie bei jedem anderen Bürger greift die Fürsorgepflicht der Bundesrepublik, für größtmögliche Sicherheit ihrer im Ausland in Not geratenen Bürgern zu sorgen und die Risiken so weit es geht zu schmälern. Und Chrobog selbst hatte im Rundfunk auch gesagt: «Wir werden immer alles für jeden tun, auch wenn er sich selbst in Gefahr begeben hat, ihn herauszuholen.»

Der Krisenstab unter Leitung von Chrobogs Nachfolger Georg Boomgarden schloss fast nahtlos an die gerade erst erfolgreich abschlossene Arbeit des Stabes an, der sich um die Freilassung der 43-jährigen Archäologin Osthoff bemühte, die als erster deutscher Staatsbürger im Irak entführt worden war.

Der Jemen ist nicht mit dem Irak vergleichbar und die beiden Entführungsfälle sind es auch nicht. Dennoch haben sie nicht zuletzt durch Chrobogs «Risiko-Warnung» etwas miteinander zu tun. Und auch wenn der Familie des Ex-Staatssekretärs nicht wie Osthoff die Ermordung angedroht wurde, dürften Ängste zurückbleiben.

Der Jemen ist nicht wie der Irak vom Krieg und nicht endenden Anschlägen erschüttert. Es gibt hier auch keine Reisewarnung. Dennoch mahnt das AA zur Vorsicht. Es wird hingewiesen auf Anschläge und die sich seit einigen Monaten wieder häufenden Entführungen. Chrobog hat sich an alle Vorsichtsmaßnahmen gehalten. Geschützt hat es ihn nicht.

Susanne Osthoff wirkt auch nach ihrer glücklich beendeten Entführung schutzlos. In einem am Mittwochabend im ZDF ausgestrahlten Interview war zu hören und trotz ihres verschleierten Gesichtes zu erkennen, wie sehr sie unter dem Eindruck der mehr als dreiwöchigen Geiselhaft steht. Zum Teil sprach sie zusammenhangslos, zum Teil aufgewühlt. Dann war sie wieder völlig klar. Sie dankte Alt-Kanzler Gerhard Schröder für seinen Appell im arabischen Fernsehen an die Entführer, sie freizulassen und dafür, dass er Deutschland nicht am Krieg gegen den Irak beteiligt hat. Auch das habe ihr das Leben gerettet. Und wie in ihrem ersten Interview im arabischen Fernsehen lenkte sie wieder den Blick auf das Leid der Iraker.

Am Tag nach ihrer Freilassung in der vorigen Woche sagte der Experte für Rehabilitation nach Überfällen, Geiselnahmen und Unfällen, Christian Lüdke: «Sie wird dieses Ereignis niemals in ihrem Leben vergessen.» Erst einige Tage nach ihrer Freilassung brächen viele Geiseln zusammen, weinten oder schrien, wenn sich die aufgebaute Spannung nach und nach löse. Auch Osthoffs inneres Sicherheitsgefühl sei erschüttert. Schlaf- und Konzentrationsstörungen könnten sie monatelang begleiten.

Auf die erste Frage des ZDF, wie es ihr gehe, sagte Osthoff: «schlecht». Ihre körperliche Verfassung werde «absinken» und dann werde sie nicht mehr schlafen können. Sie habe ständig kurz vor dem Tod gestanden. Auf die Frage, was sie als nächstes machen wolle, antwortete sie: «Was ich möchte, hat mich noch nie im Leben einer gefragt.» Und sie fügte hinzu: «Ich kann nicht so handeln, wie ich will.» Das erklärte eine Frau, die von sich selbst sagt, dass sie seit Jahren «ihr eigener Herr» sei.

Dass sie in den Irak zurück will, daran zweifelt niemand. Dass sie es nicht kann, darauf hoffen viele Politiker, weil sie in einer Rückkehr eine unzulässige Herausforderung des Schicksals sehen. Dabei ist Osthoff in ihrer Entscheidung rechtlich gesehen völlig frei. So abwehrend, verwirrt und verbittert Osthoff während des Interviews auch aufgetreten sein mag, zum Schluss wurde deutlich, wie sehr auch sie Fürsorge brauchte. Die Moderatorin wünschte ihr persönlich alles Gute. Und die Kämpferin Osthoff sagte: «Herzlichen Dank». (Von Kristina Dunz, dpa)

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben