Generation Praktikum : "Scholz' Pläne helfen Praktikanten nicht"

Eine neue Dimension der Ausbeutung wird zur gesellschaftlichen Normalität. Linke, DGB und Grüne kritisieren den Bundesarbeitminister Olaf Scholz, das Problem in seinem Umfang zu verkennen und mit seinen Vorschlägen nicht zu lösen.

Praktikantin
Soziale Ungerechtigkeit: Die Ausbeutung von Praktikanten hat eine neue Dimension erreicht. Sie ist heute gesellschaftliche...Foto: ddp

BerlinBundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) plant eine gesetzliche "Klarstellung", um eine angemessene Vergütung von Praktika zu erreichen. Ein Mindestentgelt oder eine Höchstdauer für eine Beschäftigung als Praktikant seien aber nicht vorgesehen, sagte Scholz. Praktika hätten häufig eine positive Funktion für den Berufseinstieg, hob der Minister hervor. Scholz äußerte sich anlässlich der Veröffentlichung einer vom Arbeitsministerium in Auftrag gegebenen  Studie, die auf eine häufig fehlende oder unzureichende Vergütung von Praktika hinweist. Die Linke und die Grünen sowie der DGB kritisieren sein Vorhaben als unzureichend.

Jeder fünfte Absolvent hat ein Praktikum absolviert

Nach der Uni finden viele Absolventen keine feste Stelle, sondern müssen sich lange mit schlecht bezahlte Praktikanten rumschlagen. "Auch wenn das in den Medien nicht mehr so präsent ist, so ist es weiterhin ein großes Problem in Deutschland und trifft jährlich tausende hochqualifizierte Hochschulabsolventen", berichtet die Vorsitzende der Initiative Fairwork, Bettina König.

Der Untersuchung des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie (inifes) zufolge gelingt der Berufseinstieg nach der Ausbildung oft nur auf Umwegen. 43 Prozent der Befragten zwischen 18 und 34 Jahren gelangten erst über ein oder mehrere Praktika sowie zeitlich befristete Stellen in ein unbefristetes Vollzeitarbeitsverhältnis. Jeder Fünfte hat mindestens ein Praktikum absolviert.

Was heißt das konkret? In den klassischen Bereichen für Geistes- und Sozialwissenschaftler wie etwa PR-Agenturen, werden Absolventen noch oft nach dem Motto "Wenn nicht der eine das Praktikum macht, dann macht es eben ein anderer" unter Druck gesetzt. Daher hangeln sich die Uni-Absolventen von einem Praktikum zum nächsten, arbeiten sogar selbstständig, vertreten ihr Unternehmen bei Kunden und haben zuweilen sogar ein kleines Team unter sich.

Einer der Langzeitpraktikanten ist Fabian Lehmann (Name geändert). Der heute 30-Jährige studierte Politikwissenschaften, absolvierte währenddessen zwei Praktika und schloss sein Studium schließlich mit der Note 1,3 ab. Genützt hat ihm das aber zunächst nicht viel. Weil er auf alle Bewerbungen nur Absagen bekam, suchte er sein Glück in Praktika. "Das hat dann geklappt, und ich habe nacheinander für jeweils mehrere Monate vier Praktika in verschiedenen Pressestellen gemacht", berichtet er. "Immer in der Hoffnung, am Ende übernommen zu werden." Stattdessen wurde er jedes Mal für einen geringen Lohn von maximal 400 Euro als vollwertige Arbeitskraft eingesetzt.

Die Hälfte aller Praktika ist unbezahlt

Von allen freiwilligen Erstpraktika nach Abschluss der Berufsausbildung waren etwa die Hälfte (51 Prozent) laut Erhebung unbezahlt. Gefragt zur Arbeitssituation gaben mehr als 80 Prozent der Praktikanten an, mindestens die Hälfte der Zeit als normale Arbeitskraft eingesetzt worden zu sein. Von allen qualifizierten Praktikanten wurden lediglich 22 Prozent von dem selben Arbeitgeber übernommen. 13 Prozent fanden nahtlos eine Anschlusstätigkeit bei einem anderen Arbeitgeber. Am häufigsten wurden Praktika den Angaben nach von Schulabgängern (31 Prozent) absolviert.

"Es ist offensichtlich, dass es ein Problem gibt", sagte Arbeitsminister Scholz zu der Untersuchung. Grundsätzlich sei jedoch bereits im  Berufsbildungsgesetz geregelt, dass es für Praktika eine  angemessene Vergütung geben müsse. Allerdings bleibe diese vielfach unbeachtet. Daher plane er eine Klarstellung im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB), die auf diese bestehende Vorschrift hinweise. Auch solle deutlich gemacht werden, dass der Sinn eines Praktikums ein Beitrag zur beruflichen Ausbildung sei, nicht aber eine normale Arbeitnehmertätigkeit. Schließlich solle eine frühere Vorschrift  wieder eingeführt werden, wonach auch für ein Praktikum ein schriftlicher Vertrag erforderlich ist.

Scholz sagte weiter, auch für ein längeres Praktikum von einem Jahr könne es gute Gründe geben. Die Höhe der Vergütung von Praktikanten solle "der Markt regeln". Probleme mit dem Koalitionspartner CDU/CSU erwartet Scholz bei seinem Vorhaben nicht. "Praktika sind sinnvoll, aber es gibt Missbräuche", sei die einhellige Auffassung.

"Die Ausbeutung junger Menschen hat eine neue Dimension erreicht"

"Die Ausbeutung junger Menschen hat eine neue Dimension erreicht. Wir müssen Praktikanten besser schützen, indem wir ihnen den Nachweis von Ausbeutung erleichtern", forderte die Arbeitsexpertin Andrea Nahles (SPD). Derzeit gelinge dies nur wenigen. Grünen-Hochschulexperte Kai Gehring forderte Scholz auf, "umgehend einen konkreten Gesetzentwurf für faire Praktika" vorzulegen. Linke-Bildungsexpertin Nele Hirsch sagte, die Studie zeige, dass es sich bei der Ausbeutung von Praktikanten um "kein vermeintliches Luxus-Problem" handele.
 
"Scholz' Vorschläge helfen Praktikanten nicht", kritisierte DGB-Vorstandsmitglied Ingrid Sehrbrock. Beim DGB melden sich regelmäßig junge Männer und Frauen, die von unbezahlten und unzähligen Überstunden, fehlendem Urlaubsanspruch und Ausnutzung als billige Vollzeitkräfte berichten. Sie forderte den Arbeitsminister auf, Praktika generell auf drei Monate zu begrenzen. Nur so lasse sich ein Missbrauch ausschließen. "Je länger Praktika dauern, desto größer ist die Gefahr, dass sie reguläre Beschäftigung ersetzen sollen," stellte sie fest. Der freie Zusammenschluss der Studentenschaften (fzs) verlangte darüber hinaus eine gesetzliche Mindestvergütung.

"Ich habe zuerst gedacht, es liegt an mir, dass ich nur Praktika bekomme", berichtet Fabian. "Das war sehr frustrierend, auch weil mich meine Eltern die ganze Zeit weiter finanziell unterstützen mussten." Die Selbstzweifel ließen ihn nachts schlecht schlafen, er fragte sich: "Wird das je enden?" Es endete tatsächlich. Nach insgesamt 13 Monaten als Praktikant bekam Fabian endlich die lang ersehnte Stelle bei einer Presseagentur in Hamburg - über eines seiner Praktika. Einer seiner früheren Chefs hatte ihn in guter Erinnerung behalten. (ml/ddp/dpa/AFP)

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