Politik : Gentechnik: Der Zeitdruck auf den Bundestag wächst

Markus Feldenkirchen

Ein Forscherteam der Universität Kiel will embryonale Stammzellen nach Deutschland einführen und hat damit die politische Auseinandersetzung über Gentechnik erneut angefacht. Die Christian-Albrechts-Universität bestätigte, dass eine Kooperation mit der australischen Firma ES Cell International geplant sei. Das Unternehmen besitzt eine von weltweit drei Stammzellen-Kulturen. Allerdings handele es sich bisher um eine frühe Projektphase, betonte das Rektorat der Universität. Zeitungsberichte, wonach sich die Stammzellen bereits auf dem Weg nach Kiel befinden, seien falsch. Vor Beginn einer konkreten Kooperation mit ES Cell müsse zunächst die Ethik-Kommission der Universität über den Import embryonaler Stammzellen befinden.

Bisher war lediglich das Vorhaben des Bonner Gehirnforschers Oliver Brüstle bekannt, embryonale Stammzellen aus Israel zu importieren. Im Gegensatz zu Brüstle haben die Kieler keinen Antrag auf Fördermittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt und sind deshalb mit ihrem Vorhaben nicht öffentlich aufgefallen.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Führende Politiker der Bundes appellierten an die Wissenschaftler, eine Entscheidung des Bundestages abzuwarten. "Auch die Kieler Forscher sind gefordert, das Parlament entscheiden zu lassen", sagte die ehemalige Gesundheitsministerin Andrea Fischer (Grüne). Die Gen-Expertin Maria Böhmer (CDU) äußerte die Vermutung, dass viele Forscher in Deutschland Interesse hätten, an embryonalen Stammzellen zu forschen. Einige wollten jetzt offenbar Fakten schaffen. Um so erforderlicher sei das von ihrer Partei in den Bundestag eingebrachte Moratorium für den Stammzellenimport, sagte Böhmer. Sie appellierte an die Abgeordneten von SPD und Grünen, schon am kommenden Donnerstag über den Moratoriumsantrag abzustimmen. Eine Verschiebung bis nach der Sommerpause sei "fatal".

Gemeinsam mit der Vorsitzenden der Enquete-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin", Margot von Renesse, soll Andrea Fischer in diesen Tagen eine rotgrüne Antwort auf das Moratorium der Union erarbeiten. Dem Vernehmen nach planen sie einen Gegenantrag folgenden Inhalts: Der Bundestag behält sich vor, regelnd einzugreifen, benötigt aber noch etwas Zeit. Deshalb bittet er die Forscher, von entsprechenden Vorhaben Abstand zu nehmen, bis die Parlamentarier zu einer Entscheidung gekommen sind. Von Renesse bezweifelte jedoch, dass alle Abgeordneten ihrer Fraktion dieses Vorgehen mittragen.

Schon kurz nach der Sommerpause soll die Expertengruppe der Enquete-Kommission einen Teilbericht zum Import von Stammzellen vorlegen. Auf dieser Grundlage müsse das Parlament dann entscheiden, ob es ein Verbot oder eine Erlaubnis in das Embryonenschutzgesetz aufnimmt, sagte von Renesse. "Im Herbst könnte das Ding gelaufen sein", sagte sie.

Das Düsseldorfer Biotechnologie-Unternehmen Cardion kündigte an, selbst Stammzellen aus Israel zu importieren, sobald der Bundestag eine entsprechende Entscheidung gefällt habe. Die Firma habe bereits Gespräche mit der gleichen Forschungseinrichtung im israelischen Haifa geführt, von der auch der Bonner Forscher Brüstle seine Stammzellen beziehen will. Der Import sei vorbereitet, bestätigte ein Cardion-Sprecher. Derzeit forsche das Unternehmen in Deutschland an Mäusestammzellen. Es sei aber jetzt bereits möglich, auch an menschlichen Stammzellen zu forschen.

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