Politik : Gentechnik: Kirchen warnen: Risiken der Erbgut-Forschung beachten

Repräsentanten der Kirchen in Deutschland haben vor Euphorie in Zusammenhang mit der fast vollständigen Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gewarnt. Neben den Chancen im Bereich der Medizin müssten auch die Risiken gesehen werden, die mit dem Erkenntniszuwachs verbunden seien, sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, am Mittwoch in Berlin. Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, unterstrich, die Kirchen wollten dazu beitragen, dass kein Missbrauch der genetischen Daten geschehe. Die Debatte über ethische Fragen dürfe sich nicht auf den Kreis der Experten beschränken, forderte der Vizepräsident des EKD-Kirchenamts in Hannover, Hermann Barth.

Kock und Lehmann äußerten sich vor Journalisten in der Bundeshauptstadt zur diesjährigen "Woche für das Leben", die bundesweit vom 1. bis 8. Juli stattfindet. Die zehnte Aktion steht unter dem Motto "Leben als Gottes Bild" und wird am Samstag in Freiburg eröffnet. Ziel dieser Initiative ist es, über die rund 20 000 evangelischen und katholischen Gemeinden das Bewusstsein für die Gefährdungen des Lebens zu wecken und zum Schutz des Lebens zu ermuntern.

Kock verglich die Entschlüsselung des Humangenoms mit dem Durchbruch in der Atomphysik. Die Risiken der Nukleartechnik seien erst sehr viel später thematisiert worden. Die Kirchen wenden sich nach seinen Worten gegen "Menschenbilder", in denen Menschen nur als "anonyme Nummern, Kostenfaktoren und Manövriermasse" vorkämen: "Wir wenden uns gegen Deklassierung, Demütigung, Instrumentalisierung und Knechtung von Menschen." Statt dessen seien die Christen gefordert, für die Bewahrung ethischer Prinzipien einzutreten.

Die Gefährdungen des Lebens hätten in jüngster Zeit eher zu- als abgenommen, sagte Bischof Lehmann. Er nannte den "unhaltbaren Zustand" der Spätabtreibungen und die Forderung nach aktiver Sterbehilfe. Auch der Einsatz der Präimplantationsdiagnostik als Mittel der Selektion und der Eingriff in die Keimbahn des Menschen seien für manche kein Tabu mehr. "Die Züchtung und auch das Klonen von Menschen ist dann keine ferne Horrorvision mehr", warnte der Mainzer Bischof.

EKD-Vizepräsident Hermann Barth sagte weiter, er bewundere die Forschungsleistung. Die wissenschaftliche Enträtselung des Lebens habe aber auch zur Folge, dass der Mensch darüber verfügen und es manipulieren könne. Politiker und Bürger müssten entscheidungsfähig bleiben und sollten sich diese Kompetenz nicht von den Experten und Wissenschaftlern streitig machen lassen.

Es wäre mehr als leichtfertig, sich an den positiven Entwicklungschancen beispielsweise in der Medizin und den zum Teil übertriebenen Versprechungen zu berauschen, fügte der Theologe hinzu. Bei der prädiktiven Diagnostik, also der Voraussage über künftige Erkrankungen oder gesundheitliche Risiken, könne zusätzliches Wissen auch belasten. So müssten Prinzipien wie die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme prädiktiver Diagnostik oder das Recht auf Nichtwissen der eigenen genetischen Ausstattung gewahrt bleiben. Gesellschaft und Staat dürften in diesem Zusammenhang keinen Zwang ausüben. Andernfalls gehe das Solidarprinzip etwa in der Krankenversicherung schnell verloren. Der EKD-Vizepräsident wandte sich gegen eine Veränderung des menschlichen Erbguts ohne therapeutische Motivation. Dies sei ohne ausgedehnte Experimente mit menschlichen Embryonen nicht möglich.

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