Georgien-Russland : Die schmerzhaften Lektionen des Krieges

Ein Jahr nach Kriegsende sitzt Georgiens Präsident Saakaschwili politisch wieder fest im Sattel. Der Zorn der Bevölkerung richtet sich vor allem gegen den Kreml

Johannes Voswinkel

Tiflis Tiflis



Die Augusttage vor gut einem Jahr, als russische Panzer kaum 40 Kilometer vor der georgischen Hauptstadt standen, waren für viele in Tiflis ein traumatisches Erlebnis. Manche erwarteten die Russen mit dem Jagdgewehr und Molotowcocktails zum Straßenkampf, andere saßen bangend zu Hause oder flüchteten nach Aserbajdschan. Wer sich heute nicht vom brodelnden Autoverkehr auf den Tifliser Platanenboulevards und den Cocktail-Schlürfern entlang der schicken Chardin-Kneipenmeile in der Altstadt täuschen lässt, findet noch immer Spuren der damaligen Anspannung in Georgiens Politik und Gesellschaft.

Die militärische Niederlage im Fünf-Tage-Krieg um die beiden abtrünnigen Republiken Südossetien und Abchasien hatte der Opposition eine neue Chance gegen den Präsidenten Michail Saakaschwili geboten. Aber sie erstarrte in der zentralen Forderung nach seinem Rücktritt, ohne attraktive personelle Alternativen und Ideen zu bieten. Der Präsident ließ seine Gegner beim monatelangen Straßenprotest in der Sonne schmoren. Ende Juli verabschiedeten sich die Oppositionellen ermüdet in die Sommerpause.

Lewan Gatschetschiladse ist einer von ihnen. Bei der nicht übermäßig demokratischen Präsidentschaftswahl im Januar vergangenen Jahres hat er gegen Saakaschwili verloren. Gatschetschiladse kann als gestandenes georgisches Mannsbild sicherlich die Menschenmenge auch ohne Megaphon anfeuern. Zuletzt aber tritt er in gedämpfter Lautstärke mit diplomatischen Einsprengseln auf. Er kritisiert die „hässliche Rhetorik“ Saakaschwilis gegenüber den russischen Politikern, die zum Schaden Georgiens sei. „Manchmal scheint es, als ob man im georgischen Außenministerium vergessen hat, dass Russland unser Nachbar ist und nicht einfach auf der Landkarte weggeschoben werden kann“, sagt er. Aber als pro-russisch ist Gatschetschiladse wie die meisten seiner Mitstreiter nicht zu bezeichnen. Er fordert für sein Land mehr Demokratie mit freien Medien und einer unabhängigen Justiz. „Wenn Abchasien oder Südossetien gesehen hätten, dass wir ein demokratisches, freies und erfolgreiches Georgien aufbauen“, benennt er Saakaschwilis Versäumnisse, „dann wären sie interessiert daran gewesen, in unserem Land zu leben.“

Die Millionenstadt Tiflis, in der knapp ein Drittel der georgischen Bevölkerung lebt, ist eine Hochburg der Saakaschwili-Gegner. Als Antwort auf die Straßenproteste hat der Präsident der Opposition zuletzt ein Geschenk gemacht: Im Mai kommenden Jahres soll, diesmal per Direktwahl, ein neuer Bürgermeister bestimmt werden. Eine Oppositionsstrategie erscheint denkbar, zuerst die Hauptstadt und bis zur nächsten Präsidentschaftswahl 2013, dank der Plattform des Tifliser Bürgermeisteramtes, das Land für sich zu gewinnen. Aber es ist fraglich, ob eine Opposition, die sich wie Saakaschwili eher dem „Alles und Jetzt“ zuneigt, sich den langfristigen Aufstieg zur Macht zumutet. So könnte Saakaschwilis riskantes Kalkül aufgehen: Er hofft darauf, dass die Opposition in Revolutionärspose und Streitereien die Wähler abstößt. Gatschetschiladse hält sich mit konkreten Aussagen zur Bürgermeisterwahl noch zurück: „Wenn wir nicht zuvor erkennen, dass die Medien objektiv eingestellt sind und wir vor Gericht Recht bekommen können, macht die Wahlteilnahme erst gar keinen Sinn“, sagt er.

Gatschetschiladse gehört zu jenen Oppositionellen, die Verhandlungen mit Saakaschwili nicht grundsätzlich ablehnen. „Wir wissen, dass die Zusammenarbeit nichts bringt“, argumentiert er, „aber wir müssen auch solche Prozesse nützen, um der Welt zu zeigen, dass Saakaschwili ein Lügner und kein Demokrat ist.“ Die angedeutete Gesprächsbereitschaft ist eine Reaktion auf die Ohnmacht der Straßenopposition und die Lernfähigkeit und das geschickte Taktieren des Präsidenten, der wieder fest im Amt sitzt. Wenn Saakaschwili bis zum Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit Präsident bliebe, wäre das immerhin von Vorteil für ein Land, in dem bisher jeder Staatschef gestürzt wurde. Insofern war schon seine Wiederwahl mit gut 52 Prozent, fern der früheren 90-Prozent-Ergebnisse der Messias-gläubigen Georgier, ein Fortschritt in Richtung politischer Rationalität. Die heutige Schwäche der Opposition könnte allerdings Saakaschwili und seine Regierung dazu verleiten, sich vorschnell wieder zu sicher zu fühlen und jede Kritik zu verdrängen.

Beim Minister für Reintegration, Temuri Jakobaschwili, klingen die Anmaßung und Selbstherrlichkeit durch, die Saakaschwilis erste Amtszeit prägten. Während er mit dem Finger-Expander spielt, zerdrückt der Minister in Worten die Opposition: „Ich teile sie in drei Kategorien: die Naiven, die Verlierer und die Verräter“, sagt er. „Mancher von ihnen nimmt russische Gelder an, die nicht direkt aus dem Budget des Geheimdienstes FSB, aber von georgischen Geschäftsleuten in Russland oder Verbrecherkönigen stammen.“ Dann bekommt Russland seine Schelte ab: Alle 200 russischen Kampfflugzeuge seien im vergangenen August über Georgien im Einsatz gewesen. „Vielleicht haben sie auch mehr Flugzeuge, aber es fehlt an Piloten“, lästert Jakobaschwili. „17 haben wir abgeschossen. Sie sagen sechs – alles Lüge. Sie haben mehr als 2.000 Soldaten in den ersten zwei Kriegstagen verloren und sprechen von 60 Toten. Wie lächerlich. Der Krieg hat gezeigt, wie schwach und aggressiv Russland ist.“ Wenn 68 Prozent der russischen Bevölkerung in einer Meinungsumfrage angäben, Georgien sei Feind Nummer Eins, dann „ist mit den Russen was nicht in Ordnung“. Zuletzt rechnet Jakobaschwili mit den Abchasiern ab: „Zehn Prozent der Abchasier sind drogensüchtig. Das bedeutet Aids und Hepatitis C. Wer wird sie heilen? Die Russen etwa? Georgien heilt sie.“

Bei aller Polemik widmet sich Jakobaschwili auch seiner Analyse: Der Südossetienkrieg habe gezeigt, dass es sich nicht um einen inneren, sondern einen internationalen Konflikt zwischen Georgien und Russland handele. „Russland nutzt den Separatismus als Instrument gegen den georgischen Staat“, sagt er. Illusionen über mögliche westliche Sanktionen gegen Russland hegt Jakobaschwili nicht. Georgiens Politik müsse nun, so die späte Erkenntnis als Folge des Krieges, vor allem der Entwicklung des Landes und seiner Wirtschaft gelten.

Das Bild Russlands in Georgien hat unter dem Krieg gelitten. Dennoch beschwören viele in Tiflis, Georgien dürfe sich ein so großes Nachbarland nicht zum Feind machen. Eine Alltags-Russophobie kommt nicht auf. Der Zorn richtet sich zumeist auf die Regierenden in Moskau. Sie meint auch der Politikberater Alexander Rondeli von der Georgischen Stiftung für Strategische und Internationale Studien, wenn er von den „schrecklichen Brüdern im Norden“ und den „Banditen“ spricht, die sich vor der Welt einen Frack anzögen und zivilisiert gäben. Russisch sprach Rondeli von klein auf sogar mit seiner georgischen Mutter, die in Sankt Petersburg geboren wurde. „Ich habe keinerlei Russophobie“, sagt er, „aber ich möchte nicht, dass wir in der Umlaufbahn Russlands leben müssen.“ Tifliser Intellektuelle berichten, wie sie nach dem Krieg für Monate die russische Literatur in ihren Bücherschränken nicht mehr anfassen konnten. Oder sie erzählen fast verzweifelt, wie sehr sie einst ihre russische Kinderfrau liebten. Der Krieg wirft einen Schatten auf die früher tiefe kulturelle Verbundenheit mit Russland.

Wer Rondeli im kühlen Sitz der Stiftung zwischen Stein, Chrom und Leder besucht, kann sich auf ein hitziges Plädoyer für Georgiens Präsidenten einstellen. Alle fragten jetzt nach dem Geisteszustand Saakaschwilis, empört sich Rondeli, aber kaum einer interessiere sich für die abgebrannten georgischen Dörfer in Südossetien. „Der Krieg war eine unverzichtbare Verteidigungsmaßnahme“, sagt er, „gegen einen Nachbarn Russland, der Georgien für das schwächste Glied an seiner Grenze hält und seine imperialen Ambitionen ausbreitet.“ Russland zwinge Europa geradezu, seine „Einflusszone“ anzuerkennen. Deutschland helfe dabei besonders stark. Das rieche nach einer „zivilisierteren Variante des Molotow-Ribbentrop-Pakts“. Der von Russland vorbereitete Krieg sollte in Rondelis Sicht Georgien dafür bestrafen, dass es nach Westen schaut. „In der Sowjetzeit wurden die Georgier als Chor und Tanzensemble für Gäste und als Landeskantine und Militärstützpunkt gehalten“, sagt Rondeli. „So wünscht sich Russland Georgien noch heute. Denn für Russland wäre es unannehmbar, wenn Georgien zeigte, dass ein Land mit orthodoxer Religion eine normale Demokratie werden kann.“

Rondelis Beharren auf der Selbstbestimmung Georgiens ist ein Topos in den Tifliser Gesprächen ein Jahr nach dem Krieg. Die meisten geben sich deshalb wehrhaft und befürworten als Schutz die westliche Integration. Einige betonen allerdings, dass es schon lange am aufrechten Dialog mit Abchasiern, Südosseten und Russen gefehlt habe. Der Schriftsteller Guram Odscharia stellt die Annäherung und Versöhnung in den Mittelpunkt seines Wirkens. Er wurde im abchasischen Suchumi geboren und musste im September 1993 vor dem Bürgerkrieg nach Tiflis fliehen. Odscharia sagt und schreibt, was sonst kaum einer druckt in Georgien. Er fragt sich, ob es nicht besser wäre, Abchasiens Unabhängigkeit anzuerkennen, weil sich die Republik danach aus Russlands Umklammerung lösen und der „zivilisierten Welt“ zuwenden könnte. Dafür stempeln ihn viele schnell zum Volksverräter ab. Sein neuestes Buchprojekt sieht den Briefwechsel zwischen ihm, dem Georgier, und einem abchasischen Schriftsteller vor, um über alle Grenzen hinweg die schmerzhaft offenen Fragen zu diskutieren: Warum hat der Krieg stattgefunden? Konnte er nicht verhindert werden? Wie soll es weiter gehen?

„Wir haben in Georgien sehr viele patriotische Schriftsteller, die eine schlechte Rolle spielen wie jene Historiker, die immer beweisen wollen, welche Erde zuerst georgisch gewesen sei“, sagt Odscharia. Mancher Kollege schreibe abwertend über das abchasische Volk, es passe in ein Stadion und sei leicht zu überwinden. „Wir Schriftsteller sitzen mit dem Rücken zueiannder“, sagt Odscharia. „Aber gerade die Schriftsteller müssen miteinander sprechen, da sie noch immer eine gewisse Autorität besitzen.“ Die Gesellschaft warte weiterhin auf eine klare Analyse der Lage Georgiens und auf einen neuen Dialog. „Saakaschwili interessierte sich für die globale Politik und wählte entsprechend seinen Weg: USA, Nato, eine starke Armee“, sagt Odscharia. „Aber so hat er, gepaart mit einer gewissen Arroganz, die Abchasen nur abgeschreckt. Und alles durchsickerte zudem der georgische Nationalismus.“

Der Krieg wurde zu einer wichtigen, schmerzhaften Lektion. „Das georgische Volk hat die Wucht des Krieges gesehen und seinen Präsidenten und die Opposition besser kennengelernt“, sagt Odscharia. „Es hat sich selbst im Spiegel betrachten müssen.“ Er ist optimistisch, dass daraus Positives erwachsen kann. „Wir lieben charismatische Politiker und blumige Toasts mit dem Weinglas“, sagt er. „Aber im letzten Jahr ist es klarer geworden, dass Georgien eher einen sachlichen, normalen Präsidenten braucht. Ein Teil des Volkes ist reifer als die Elite.“

Quelle: ZEIT ONLINE

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben