Politik : Gesundheit: Ärzte müssen Medikamente in Pass eintragen

Der von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) geplante Arzneimittelpass soll als Pflichtdokument eingeführt werden. Es werde auf einen "obligatorischen Pass" für Patienten hinauslaufen, sagte eine Ministeriumssprecherin am Samstag in Berlin. Patienten solle im Einzelfall zugestanden werden, sich von der Pass-Pflicht befreien zu lassen. Sie trügen dann aber die Verantwortung für mögliche Risiken bei der Arneimitteleinnahme. Zustimmung kam vom Verband der Pharmaindustrie. Der Bundesbeauftragte für Datenschutz, Joachim Jacob, bekräftigte hingegen seine Kritik an einem obligatorischen Arzneimittelpass. Währendessen gehen den Ärzten die Pläne des Gesundheitsministeriums nicht weit genug. Die stellvertretende Vorsitzende der Bundesärztekammer, Ursula Auerswald, sprach sich im Info-Radio Berlin-Brandenburg für die Einführung eines elektronischen Rezepts aus.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums sollen Ärzte und Apotheker mit dem geplanten Arzneimittelpass verpflichtet werden, die Medikamente auf dem Pass zu vermerken. Patienten, die dies nicht wollen, müssten allerdings die Verantwortung für mögliche Risiken bei der Kombination von Arzneimitteln tragen. Bislang war unklar, ob der Pass als freiwilliges oder obligatorisches Dokument eingeführt wird.

Auerswald verwies darauf, dass bereits seit längerem an einem elektronischen Rezept gearbeitet werde. Über eine nationale Datenbank könnten damit bundesweit Daten der Medikamente eingegeben werden. Laut Auerswald kann ein Arzt damit direkt feststellen, welche Neben- und Wechselwirkungen zwischen einem neu verschriebenen Medikament und bisher eingenommenen Arzneien auftreten könnten.

Jacob sagte, die zwangsweise Einführung einer Karte mit eingespeicherten Diagnosen und Medikamenten könne "erhebliche Begehrlichkeiten" wecken. Er ist für einen Pass auf freiwilliger Basis. "Ich könnte einen solchen Pass akzeptieren, wenn der Patient selbst darüber entscheidet, ob er diesen Pass haben möchte oder nicht", sagte er im Deutschlandradio. Auch beim grünen Koalitionspartner hatte sich gegen die Schmidt-Pläne Widerstand geregt.

Der Vorsitzende des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI), Bernd Wegener, sagte der "Welt am Sonntag", das Einsparpotenzial durch eine elektronische Patientenkarte sei erheblich und verhelfe Ärzten und Krankenkassen zu mehr Transparenz. Die Chancen, dass sich durch einen Medikamentenpass ein Skandal wie bei dem Cholesterin-Senker Lipobay nicht wiederholt, hält Wegener jedoch für gering. Mit Libobay werden weltweit mehr als 50 Todesfälle in Verbindung gebracht.

Der Arzneimittelexperte Gerd Glaeske forderte eine systematische Begleitforschung nach der Zulassung eines Medikaments, koordiniert durch eine Bundesbehörde. Das derzeitige Zufallssystem könne "nicht im Mindesten" die Nebenwirkungen auf dem Markt erfassen, sagte er der "Frankfurter Rundschau". Arzneimittel würden vor der Zulassung an rund 4000 Patienten getestet. Damit könne statistisch gesehen nur ein Risiko eines Arzneimittels von eins zu tausend entdeckt werden.

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