Gesundheitsminister plant Reform : Blankorezepte für Massagen

Ob Krankengymnastik oder Rückenmassage: Bisher müssen sich Patienten dafür vom Arzt immer neue Rezepte holen. Künftig soll eine Verordnung reichen.

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Physiotherapie statt Operation. Patienten sollen künftig nicht mehr beim Arzt um Rezepte betteln müssen.
Physiotherapie statt Operation. Patienten sollen künftig nicht mehr beim Arzt um Rezepte betteln müssen.Foto: dpa

Kassenpatienten sollen nicht länger für jede Runde Rückenmassagen bei ihrem Arzt um ein neues Rezept bitten müssen. Stattdessen will es Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) in solchen Fällen künftig bei einer „Blankoverordnung“ belassen. Über Auswahl, Dauer und Frequenz der Behandlungseinheiten sollen die Therapeuten dann jeweils selbst bestimmen dürfen.

Entsprechende Forderungen der Unionsfraktion finden sich jetzt in Gröhes Entwurf zur Novelle des Heil- und Hilfsmittelgesetzes. Die Therapeuten sollten „noch direkter in die Versorgungsverantwortung eingebunden werden“, heißt es darin. Und: „Um den sich verändernden Anforderungen an die Gesundheitsversorgung gerecht zu werden, ist die stärkere Zusammenarbeit aller Gesundheitsberufe unumgänglich.“

Modellversuche in jedem Bundesland

Jedoch scheint dem Minister die Sache noch nicht ganz geheuer zu sein. Er will sie sicherheitshalber erst mal per Modellversuche ausprobieren lassen – „in jedem Bundesland und für alle Heilmittelerbringer“. Als da wären: Physio- und Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen, etwa 190.000 an der Zahl. „Um zu entscheiden, ob diese Versorgungsform für eine Überführung in die Regelversorgung geeignet ist, ist eine verlässliche, breitere Informationsgrundlage notwendig“, lautet die Begründung. Wann es losgehen soll, hängt davon ab, wie schnell sich das Gesetzesvorhaben realisieren lässt.

Dabei hätten sie sich in der Union sogar noch mehr vorstellen können. In Schweden, Norwegen, Großbritannien oder den Niederlanden gehöre es auch zur Regelversorgung, dass sich Patienten ganz ohne vorherigen Arztkontakt von Therapeuten behandeln lassen, argumentierten sie. Damit lasse sich nicht nur Geld sparen. Der Direktzugang erweise sich auch „als Zugpferd für eine gesteigerte Behandlungsqualität“.

Nicht ganz ohne Arztkontakt

Mit den Medizinern war ein derart weitgehender Vorstoß freilich nicht zu machen. Gar nicht mehr beteiligt zu werden, das ging ihren Funktionären denn doch zu weit. Die Ärzte müssten schon „verantwortlicher Gesamtkoordinator der Therapie“ bleiben, beharrt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Blankorezepte dagegen wertet sie als „sinnvolle Entlastung der Vertragsärzte“. Jedoch müsse man den Therapeuten dann auch die Kostenverantwortung übertragen und die Ärzte davon entbinden.

Der Initiator des Vorhabens sieht das genauso. Die Kosten dürften natürlich nicht ausufern, sagt Roy Kühne (CDU). Die Therapeuten müssten „lernen, mit dieser Verantwortung umzugehen“.

Kostenersparnis durch weniger Operationen?

Kühne weiß, wovon er spricht. Der 48-Jährige ist selbst Physiotherapeut, er hat im niedersächsischen Northeim ein Gesundheitszentrum aufgebaut. Zunächst werde die Reform die Ausgaben zwar etwas erhöhen, sagt er. Doch langfristig führe sie zu „massiven Ersparnissen“. Zum einen, weil dadurch weit höher bezahlte Ärzte entlastet würden. Zum andern, weil sich durch motiviertere Therapeuten auch viele Operationen vermeiden oder zumindest herauszögern ließen.

Zur Motivierung beitragen soll auch eine bessere Bezahlung. Gröhes Gesetz sieht vor, den Spielraum dafür nicht länger vom Beitragsaufkommen abhängig zu machen. „Die bisherige Begrenzung der Vergütungsanhebungen im Heilmittelbereich, die an die Grundlohnsumme anknüpft, wird abgeschafft“, heißt es in seinem Entwurf. Aus Kühnes Sicht ein überfälliger Schritt, den man bei Ärzten und Zahnärzten längst vollzogen habe.

Einstiegsgehälter bei 1400 bis 1700 Euro

Ein Automechaniker verlange 100 Euro Stundenlohn, rechnet er vor. „Menschenhandwerker bekommen nicht mal ein Drittel davon.“ Das Einstiegsgehalt für Physiotherapeuten oder Logopäden liege derzeit bei 1400 bis 1700 Euro. Davon seien dann oft noch Schulden für Schulgeld und Zusatzqualifizierung abzustottern. „Kein Wunder, dass inzwischen kaum noch einer diesen Beruf ergreift.“

Die gesetzlichen Krankenkassen dagegen sind besorgt wegen des zu erwartenden Kostenanstiegs. In den vergangenen fünf Jahren seien die Heilmittelausgaben in Deutschland bereits um 1,5 Milliarden Euro gestiegen, betont der GKV-Spitzenverband. Das entspreche einer Steigerung von mehr als 30 Prozent. Und in einer älter werdenden Gesellschaft würden Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie immer stärker nachgefragt. Man wolle zwar bessere Leistungsqualität, müsse aber auch die Finanzierbarkeit im Blick behalten.

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