Politik : Gesundheitsvorsorge: Wer Krankheiten bekämpft, investiert in die Zukunft

Gro Harlem Br,tland

Das 20. Jahrhundert brachte für das Leben der meisten Menschen tiefe Veränderungen mit sich, die grosse Erwartungen weckten. Eine der grössten Veränderungen war die enorme Verbesserung der allgemeinen Gesundheit, die mit dem Rückgang der Sterblichkeitsrate und dem Anstieg der Lebenserwartung einherging. Viele dieser Errungenschaften sind den Maßnahmen zur Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen zu verdanken. Zusätzlich gab es spektakuläre Fortschritte in Medizin und Technik, die zur Verbesserung der Gesundheit beigetragen haben.

Trotz dieser Fortschritte sind die Herausforderungen in Sachen Gesundheit, denen wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts gegenüber sehen, immens. Das größte Problem ist die anhaltende Armut vieler Menschen, die schwer wiegendste Ursache von mangelnder Gesundheit und menschlichem Leiden. Gleichzeitig ist es notwendig, sich auf zukünftige Epidemien vorzubereiten.

Zwischen 1998 und dem Jahr 2020 wird weltweit mit einem Anstieg von nicht infektiösen Krankheiten von 43 auf 73 Prozent gerechnet. In den Entwicklungsländern wird sich dieser Anstieg besonders schnell vollziehen. Wir haben es mit einem epidemiologischen Wandel der Krankheits- und Todesursachen und einer Verschiebung weg von Infektionskrankheiten hin zu nicht übertragbaren Krankheiten zu tun. Krebserkrankungen, die 1990 weltweit erst fünf Prozent aller Krankheitsfälle ausmachten, werden im Jahr 2020 eine doppelt so große Rolle spielen. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden bei nahezu 15 Prozent liegen.

Eines meiner ersten Anliegen als WHO-Generaldirektorin war es, herauszufinden, welche Krankheitsursachen im Verlauf des 21. Jahrhunderts weltweit dominant werden würden. Und es stellte sich heraus, dass der Tabakkonsum eines der großen Probleme ist - wenn nicht sogar das gravierendste überhaupt. Den aktuellen Statistiken zufolge sterben jedes Jahr vier Millionen Menschen an Krankheiten, die auf den Tabakkonsum zurückzuführen sind. Damit liegt das Rauchen gegenwärtig auf Platz zwei der Liste aller Todesursachen. Noch Schlimmeres ist für die nähere Zukunft zu erwarten. Wenn nämlich weiterhin in demselben Maße geraucht wird wie bisher, dann werden 500 Millionen der heute lebenden Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben. Für 2020 wird prognostiziert, dass der Tabakkonsum die Hauptursache von Tod und Behinderung sein wird. Er wird jährlich mehr als zehn Millionen Menschenleben fordern.

Bei aller Bedeutung der nicht übertragbaren Krankheiten darf man weiterhin die Wichtigkeit der Infektionskrankheiten nicht vernachlässigen. Krankheiten, von denen man einst dachte, sie seien bereits auf dem Rückzug, wie etwa Tuberkulose, Cholera und Gelbfieber, feiern ein todbringendes Comeback. Außerdem tauchten neue tödliche Krankheiten auf - ohne Möglichkeit vorbeugender Maßnahmen und ohne Aussicht auf eine erfolgreiche Behandlung. In den vergangenen 20 Jahren wurden mindestens 30 neue Krankheiten identifiziert, darunter Aids, Hepatitis C, die Legionärskrankheit und Ebola.

Die Infektionskrankheit Aids, die vor 1981 noch völlig unbekannt war, kostete seither annähernd 18,8 Millionen Menschen das Leben - und die Anzahl der Todesopfer steigt Jahr für Jahr. 1999 stellte man bei etwa 5,4 Millionen Menschen eine Neuinfizierung mit dem HIV-Virus fest. Als Thema von zahllosen Filmen, Theaterstücken und Romanen hat die Krankheit bereits Einzug in die westliche Kultur gefunden, in sehr ähnlicher Weise, wie Tuberkulose im vorletzten Jahrhundert. Für ärmere Länder stellt die Krankheit sogar eine gravierende Bedrohung ihrer gesamten Entwicklung dar. In Simbabwe, Botswana, Namibia und Swasiland liegt der Anteil der Menschen zwischen 15 und 49 Jahren, die mit dem HIV-Virus infiziert sind, Schätzungen zufolge bei 20 bis 26 Prozent. Diese Länder müssen sich also darauf gefasst machen, mindestens ein Fünftel ihrer Bevölkerung im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts durch Aids zu verlieren.

Wir wissen, wie wir die Verbreitung von HIV verhindern können und wie wir denen Hilfe anbieten können, die schon infiziert sind. Mit der Möglichkeit, effektiver zu reagieren, gehen auch Verantwortung und neue Herausforderungen einher. Es gibt keine Entschuldigungen mehr! Die Millionen, die infiziert sind und die Hunderte von Millionen, die potenziell gefährdet sind, sich zu infizieren, werden es uns nicht vergeben, wenn die Welt keine Vorteile aus den heute existierenden Möglichkeiten zieht. Niemand kann im Alleingang das Gesicht der Epidemie verändern, weder Regierungen, internationale Organisationen, Vereinigungen von Menschen, die mit HIV leben, Nicht-Regierungs-Organisationen noch Bürgerinitiativen. Mehr als jemals zuvor müssen wir unsere Kräfte und Anstrengungen vereinigen, um auf die Zerstörung, die HIV der Gesellschaft gebracht hat, zu reagieren.

Die direkte Investition in die Gesundheit ist vielleicht der effektivste Ansatz, den Menschen zu ermöglichen, ihren Gesundheitszustand zu verbessern, ihre Lebensqualität zu erhöhen und den Bereich ihrer Möglichkeiten so zu erweitern, dass sie in Sachen Arbeit, Gesundheit und Bildung frei eintscheiden können. Der erste Grundsatz der Deklaration von Rio lautet: "Menschen stehen im Mittelpunkt des Interesses an nachhaltiger Entwicklung. Sie haben das Recht auf ein gesundes und produktives Leben im Einklang mit der Natur." Damit wird unterstrichen, wie sehr unsere Gesundheit auch mit der Umwelt zusammenhängt. Viele Menschen, insbesondere wiederum arme, haben diese Faktoren jedoch oft nicht im Griff.

Entwicklung wird nicht nachhaltig sein, wenn sie nicht auf die Menschen ausgerichtet ist. Es gibt aber auch schwerwiegende moralische Gründe, die für eine Investition in Gesundheit und Entwicklung sprechen. So hat jeder Mensch ein Recht auf einen Lebensstandard, der es ihm erlaubt, die Gesundheit und das Wohlbefinden seiner selbst und seiner Familie zu erhalten. Wir alle haben die Verpflichtung, uns um andere zu kümmern und mit ihnen zu teilen, und zwar über alle Grenzen und Generationen hinweg.

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