Gesundheitswesen : "Das System ist viel zu kompliziert"

KBV-Chef Köhler spricht im Interview mit dem Tagesspiegel über Ärzte-Unmut, verfrühten Protest – und eigene Fehler.

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Andreas Köhler -Foto: dpa

Haben Sie Verständnis für Ärzte, die von ihren Patienten Vorkasse verlangen?



Nein. Ein zugelassener Vertragsarzt hat akzeptiert, dass er gesetzlich Versicherte nur gegen Sachleistung behandeln darf. Insofern ist es nicht zulässig, von Patienten Vorkasse zu verlangen. Wenn er das tun will, muss er seine vertragsärztliche Zulassung zurückgeben.

Aber die Unzufriedenheit der Mediziner können Sie verstehen?

Die Unzufriedenheit mit dem völlig neuen Vergütungssystem kann ich sehr wohl nachvollziehen.

Nach neuen Berechnungen erhalten niedergelassene Ärzte nun sogar noch 500 Millionen Euro mehr als erwartet – insgesamt liegt die Steigerung also bei 3,5 Milliarden. Ist die Branche maßlos geworden?

Nein. Erstens ist das bisher nur eine simulierte Rechnung. Zweitens bezieht sich der Zuwachs auf 2007, die Steigerungen von 2008 muss man natürlich zum Abzug bringen. Und drittens wird das Geld ja nicht gleichmäßig verteilt. Es gibt Regionen, bestimmte Arztgruppen und auch einzelne Mediziner, die deutlich weniger erhalten als andere. Das verursacht den Unmut. Die Gewinner schweigen.

Verlässliche Zahlen gibt es erst im Mai. Wieso protestieren die Ärzte schon jetzt?

Auf diese Frage muss ich Ihnen eine Antwort schuldig bleiben. Auch wir appellieren an die Ärzte, die endgültigen Honorarbescheide abzuwarten.

Wird denn noch viel nachgezahlt?

Das ist sehr unterschiedlich. Wir haben Arztgruppen, die bisher nur 35 bis 40 Prozent für erbrachte Regelleistungen bezahlt bekommen haben, die können also noch 60-prozentigen Zuwachs erwarten. Und wir wissen, dass auch Gruppen protestieren, die am Ende wahrscheinlich zu den Gewinnern zählen. Die Frauenärzte etwa könnten durch ihre Sonderleistungen noch viel hinzubekommen.

Die Ministerin sagt, das Problem liegt in der internen Verteilung. Zu deutsch: Die KVen sind an dem ganzen Ärger schuld.

Man kann uns nicht allein die Schuld geben, seit dem Jahr 2000 sind schließlich die Krankenkassen an der Honorarverteilung mitbeteiligt. Allerdings gab es tatsächlich auch den einen oder anderen Konstruktionsfehler. 

Was waren das für Fehler?

Der Arzt erhält sein Honorar für zwei Formen der Behandlung: für Regelleistungen und für zusätzliche Leistungen, die er erbringt – etwa Vorsorge, ambulante Operationen, Belegarzt-Tätigkeiten. Ärzte, die nur Regelleistungen erbringen, sind nun die Reformverlierer. Dabei brauchen wir gerade diese Leistungen für die Grundversorgung. Dieses Missverhältnis muss behoben, Regelleistungen müssen höher bewertet werden. Das ist der Konstruktionsfehler, von dem ich selbstkritisch sage: Das hätten wir von Anfang an anders machen müssen.

Man hört auch, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen zu viel Geld zurückhalten.

Das ist Unfug. Die KVen müssen Geld zurückhalten – für Praxisneugründungen, für Nachzahlungen aus vorherigen Quartalen, für die Vergütung von Sonderleistungen. Was ist denn, wenn das Geld nicht reicht? Eine KV darf keinen Kredit aufnehmen. Und nachträglich gibt es auch nicht mehr Geld von der Kasse.

Ist das System der Honorarverteilung nicht längst viel zu kompliziert?

Ein klares Ja. Wir haben für gesetzlich Versicherte den größten Leistungskatalog der ganzen Welt und geben ihnen ein unendliches Leistungsversprechen. Gleichzeitig steht dafür aber nur begrenzt Geld zur Verfügung. Je mehr diese beiden Pole auseinanderklaffen – und sie tun das immer stärker, weil die Menschen immer länger leben und immer kränker werden – desto mehr muss ich regeln. Seit zwölf Jahren bin ich jetzt an diesen Regelungen beteiligt, und mit jedem Jahr wird die Regelungstiefe dichter. Inzwischen hat das eine Komplexität erreicht, wo ich sagen muss: Das verstehen nur noch die Spezialisten. Wir haben einen Punkt erreicht, wo man nicht mehr von Transparenz oder Nachvollziehbarkeit sprechen kann. Es muss Grundlegendes passieren.

Was denn?

Wir müssen über den Umfang des Leistungskatalogs ebenso diskutieren wie über den Zugang zu diesen Leistungen. Mehr Eigenbeteiligung, ein System von Grund- und Wahlleistungen – das sind die Fragen, mit denen sich die Politik bald beschäftigen muss. Je enger ich Leistungsversprechen und Finanzmasse zusammenbekomme, desto weniger muss ich steuern. Ich bin ja nicht so vermessen, zu sagen, es muss immer mehr Geld geben.

Sehen Sie nicht auch Reformbedarf im eigenen Laden?

Auch wir müssen uns unbequemen Fragen stellen. Muss etwa ein chronisch Kranker durchgehend beim Spezialisten betreut werden? Die effizientere Steuerung zwischen ambulanter Behandlung, Facharzt und Überweisung ins Krankenhaus ist eine unserer großen Aufgaben.

Wäre den Ärzten damit gedient, wenn die Honorarreform jetzt wieder ganz zurückgedreht würde, wie von der CSU gefordert?

Wenn Sie alles zurückdrehen, haben wir wieder das Budget. Das hängt dann wieder ganz an der Grundlohnsummenentwicklung, also an der wirtschaftlichen Entwicklung. Wer dahin zurückwill, in der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, der hat alle Zukunftschancen einer angemessenen Vergütung verbaut. Eine Rückkehr zum alten System nützt niemandem. Selbst in den Bundesländern mit hoher Wirtschaftskraft gäbe es nur kurzfristige Mitnahmeeffekte.

Die CSU schießt im Bemühen, den Ärzten entgegenzukommen, übers Ziel hinaus?

Ja. Wobei sich mir noch nicht umfassend erschlossen hat, welches System die CSU überhaupt will.


Die Fragen stellte Rainer Woratschka.

Andreas Köhler (48) ist seit 2005 Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Die umstrittene Honorarreform für die niedergelassenen Mediziner hat er maßgeblich mitinitiiert.

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