Getötet in der Ukraine : „Er lehnte Gewalt ab“

Der Maidan-Demonstrant Juri Werbizki ist Ende Januar in Kiew getötet worden. Ein Treffen mit seinem Bruder Sergej.

Nina Jeglinski
Ein Ende des Konflikts in der Ukraine ist nicht abzusehen.
Ein Ende des Konflikts in der Ukraine ist nicht abzusehen.Foto: AFP

Sergej Werbizki steht am frischen Grab seines Bruders auf dem Lytschakiwski-Friedhof der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg). Still und voller Trauer blickt der 55-Jährige auf den nassen Grabschmuck. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass sein jüngerer Bruder vor ihm geht. „Sein Verlust ist ein Albtraum für mich“, sagt der promovierte Geophysiker. Sein Bruder Juri Werbizki war Maidan-Aktivist und starb an den Folgen massiver Gewalt.

Wie der 50-jährige Geologe zu Tode kam, ist noch unbekannt. Der Letzte, der ihn lebend gesehen hat, ist Igor Lutzenko. Er konnte sich retten und berichtete, er habe Juri in ein Krankenhaus gefahren. Werbizki war am Auge verletzt worden, nachdem die Polizei am 21. Januar mit großer Gewalt wahllos auf Protestanten eingeschlagen hatte, um die pro-westlichen Proteste im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew aufzulösen.

Im Kleintransporter verschleppt

In den frühen Morgenstunden des 22. Januars sollte Juris Auge in einem Krankenhaus behandelt werden, eine Ärztin schaute sich den Patienten an, als eine Gruppe von sieben bis zehn Unbekannten auf der Station erschien. Sie schnappten Lutzenko und Werbizki und zerrten sie unter Schlägen in einen Kleintransporter. In einem Waldstück wurden die beiden Männer stundenlang verprügelt und verhört. Sie sollten die Geldgeber und Organisatoren der Proteste nennen.

Juri Werbizki.
Juri Werbizki.Foto: privat

Als die Peiniger herausbekamen, dass Juri Werbizki nur wenig Russisch sprach und aus dem westukrainischen Lwiw kam, ließen sie ihre ganze Wut an dem Wissenschaftler aus. „Ich hörte stundenlang seine Schreie“, berichtete Lutzenko später.

War es der Name?

„Warum hat es gerade meinen Bruder getroffen?“ Diese Frage geht Sergej nicht mehr aus dem Kopf. Gut möglich, dass der Name Werbizki „besondere Aggressionen bei den Peinigern meines Bruder ausgelöst hat“, mutmaßt Sergej. Einiges spricht dafür. Die Familie Werbizki ist in der Westukraine bekannt, zahlreiche Mitglieder sind Wissenschaftler. Der Vater von Juri und Sergej hatte das Institut für Geophysik in der Westukraine gegründet, beide Großväter haben im Zweiten Weltkrieg gegen die Rote Armee auf den Seiten der Partisanen gekämpft.

„Juri hatte mit solchen Dingen nichts zu tun, er lehnte Gewalt und Waffen ab“, sagt sein Bruder Sergej. Bis Anfang Dezember 2013 hat Juri als Wissenschaftler gearbeitet. Er war Seismologe, hatte ebenfalls promoviert. In seiner Freizeit zog es ihn in die Berge. Zum Wandern oder Skifahren in die Karpaten. Mitarbeiter beschreiben ihn als naturverbunden und charakterfest. Er habe seine Ansichten stets frei geäußert, sie verteidigt und gerne diskutiert, heißt es. Sein Umfeld war einigermaßen überrascht, als Juri Anfang Dezember Urlaub nahm und ankündigte, er wolle den Protest auf dem Maidan in Kiew unterstützen. „Du kannst dir gar nicht vorstellen, was da los ist. Die Leute vereinigen sich. Ich muss da auch hin. Mit diesen Worten verabschiedete sich Juri von mir“, berichtet Sergej.

"Unterkühlung war es nicht"

Juri habe noch seinen Hund vorbeigebracht und sei dann nach Kiew gefahren. Kurz vor Weihnachten habe er seinen jüngeren Bruder noch angerufen und ihn gebeten, über die Feiertage nach Hause zu kommen. Er sah ihn nie wieder. Am 23. Januar stand Sergej im Leichenschauhaus. „Die Behörden haben uns erzählt, Juri sei an Unterkühlung gestorben, das ist die reinste Lüge. Ich habe den Zustand der Leiche gesehen. Bis zum Tod an Unterkühlung wird er es nicht geschafft haben. So wie sein Körper aussah, muss mein Bruder schon vorher tot gewesen sein“, sagt Sergej und ringt mit den Tränen.

Juri war früher verheiratet und hat eine 25-jährige Tochter. Als ihr Vater beerdigt wurde und nahezu die gesamte Stadt Lwiw an der Beisetzung teilnahm, kam der parteilose Bürgermeister Andreij Sardowij auf die Familie zu und versicherte, man werde sie unterstützen. „Das ist auch geschehen und wir sind dankbar dafür“, sagt Sergej. Die beiden Frauen haben sich aus Angst, ihnen könnte das Gleiche wie Juri zustoßen, aus der Öffentlichkeit zurückgezogen.

"Fast wie in der Sowjetunion"

„Es ist fast wie in der Sowjetunion", klagt Sergej. Damals habe es in der Westukraine auch überall „Ohren aus Moskau“ gegeben. Wer sich zu laut beschwerte, wanderte ins Gefängnis oder verschwand auf ewig. Gegen solche Zustände habe sein Bruder angekämpft. „Das hat er nun mit seinem Leben bezahlt“, sagt Sergej und legt seine Hand zum Abschied auf das Grabkreuz mit dem Bild seines Bruders. Wer für seinen Tod verantwortlich ist, wollen die Behörden nun aufklären. Das ukrainische Innenministerium verkündete, man ermittle wegen Mordes. Ob die Schuldigen je zur Rechenschaft gezogen werden, ist aber fraglich.

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